Es wurde zum Einsteigen abgerufen.
Hupfeld und Perthes verabschiedeten sich mit einem Händedruck, der mehr korrekt als herzlich war. Während der D-Zug aus der Halle rollte, schritt der Geheime Rat den Bahnsteig zurück nach seinem Automobil. Auf der Fahrt zur letzten Fakultätssitzung des Sommersemesters saß er nachdenklich in seiner Ecke. Ohne einen Gruß zu versäumen, dachte er an seinen Schwiegersohn. Nach dem Ausdruck seiner Mienen waren es nicht ausschließlich freundliche Gedanken, die ihn beschäftigten. Diese Konsultationen nach auswärts, die durch den steigenden Ruf des Jüngeren sich mehrten, begannen ihm lästig zu werden. Seine Eitelkeit, die wahrhaftig in einem Leben voll glänzender Erfolge auf ihre Kosten gekommen war, witterte längst in Perthes den Kommenden, der ihn, den Gehenden, vielleicht abzulösen berufen war. Er hatte die Fähigkeiten des um mehr als eine Generation jüngeren Mannes „entdeckt”, wie er sich schmeichelte. Er hatte ihn „gemacht”. Vielleicht würde er gegenüber seinem Schwiegersohn Regungen der Mißgunst doch unterdrückt haben; vielleicht hätte er sich sogar mit den Jahren direkt überwinden und seinen Nachfolger selbst auf den Schild heben können. Aber die Ehe seiner Tochter — das konnte auch ihm, dem Optimisten, längst kein Geheimnis mehr sein — war nicht, was er sich und Alli gewünscht hatte. Der junge Mann, den er „gemacht” hatte, entwickelte einen Charakter, dem nach seiner Auffassung die Weite und Freiheit weltmännischen Denkens abging. Als ewig nachgiebiger Vater stand er durchaus auf seiten seines Kindes. Alices skrupellose Lebenslust war ein Zug seines eigenen Wesens, wenn er auch in ihm sich stilisiert hatte. Ihre spitzbübische, spottsüchtige, wechsellüsterne Art zeugte von Humor, Gesundheit des Geistes, jugendlicher Frische. Dagegen sah er bei Perthes eine Rechtschaffenheit, ja trockene Ledernheit — besonders in wirtschaftlichen Fragen, die ihm kleinlich vorkam. Er traf sich mit Alli durchaus in einer Auffassung, die in jeder konsequenten Folgerichtigkeit und Festigkeit nur Pedanterie und Spießertum belächelte. Wie oft beklagte er in seinen Gesprächen mit der körperlich immer schwerfälligeren Mama Hupfeld das „arme Kind”. Bei dieser Klage war er auch in seinen Reflexionen angelangt, als sein Auto vor der Universität hielt. Er versäumte trotzdem nicht, dem strammen Pedellen, der mit gezogener Mütze in Front stand, huldvoll zuzunicken, während er ausstieg. Durch die Gruppen grüßender und starrender Studenten schritt er fürstlich nach dem Fakultätszimmer, wo die Korona der Kollegen das große Tier noch eben durchgehechelt hatte, nun aber mit übertriebener Ehrerbietung empfing. —
Perthes fuhr inzwischen in seinem D-Zug südwärts.
Er saß allein in seinem Abteil. Reichlich mit wissenschaftlichem Lesestoff versehen, kümmerte er sich nicht um die sommerlich-frohe Natur vor den Fenstern. Er war ja früher ein leidenschaftlicher Naturliebhaber gewesen. Wie oft hatte er auf einer Fußwanderung, wie oft rudernd und sportbeflissen sich seinen seelischen Gleichmut wieder herzustellen gesucht. Er hatte sich diese Naturschwärmerei abgewöhnt. Wie er sich im Lauf der Jahre auch die seelischen Aufregungen abgewöhnt hatte. Nicht von heute auf morgen; auch nicht mühelos und leicht. Es hatte Kämpfe gekostet. Sein explosives Temperament gab sich nach den ersten Enttäuschungen seiner Ehe nicht zufrieden: Perioden der Gleichgültigkeit wechselten mit solchen lauter, zorniger Auflehnung; Perioden blinder Verliebtheit mit anderen, in denen er Alice durch Güte, Vernunft, eiserne Strenge erziehen wollte. Vorübergehend meinte er die Quelle alles Übels in der Umgebung zu sehen, die ihn selbst zuerst bestochen hatte. In sich hatte er längst die Freude an all dem blendenden, geselligen Treiben ausgerottet. Dabei half ihm die wachsende Arbeit. Aber es kostete ihn doch mehr, als er sich je gestand. Er hatte von Natur nichts weniger als die Anlage zur Einseitigkeit. Eine gewisse Besonderheit hatte er immer geliebt. Doch sie war himmelweit entfernt von jenem Philistertum, das man mit Recht so nannte. Um Alices willen stritt er gegen dies Milieu mit seiner öden Oberflächlichkeit, seinem Taumel der Mode und Sensation, seiner erlogenen Freiheit und Götzendienerei des Geldes, der Grafenkronen, der Flottheit und Zeitgemäßheit um jeden Preis. Doch sie — sie dachte nicht daran, sich ihrem Element abspenstig machen zu lassen. Mit ihrer Geschmeidigkeit, ihrer mehr als vorurteilslosen Bosheit, ihrem girrenden Lachen widerstand sie allen Versuchen, sie zu ändern. Sie wollte so sein, wie sie war, weil sie gar nicht anders konnte. Sie entwand sich ihm und schnitt eine Grimasse gegen seine besten Absichten. Die Erkennung, die dauernde und absolute, vollendete sich. Der Räuberhauptmann war ihr ein gräulicher Philister, ein lebensfeindlicher Grämling geworden. Hinter dem Irrlicht sah er, nüchtern und für immer, das seelenlose Nichts. Noch eine Spanne argwöhnischen Belauerns — und eines ging kühl und fremd neben dem anderen, überließ es seiner Torheit, lebte nur noch für sich und in sich selbst.
Alice war nicht zu entwickeln und entwickelte sich nicht. Aber er, Perthes, vollzog mit sich eine langsame, qualvolle Wandlung. Die Gebundenheit, unerbittlich wie die öde ziehenden Jahre, zwang ihn zu einer strengen Beherrschung, die sich im Anfang von Stunde zu Stunde üben mußte. Er lernte mit Schmerzen den Schritt, er, dessen gegensatzvolle Natur nur immer den Sprung gekannt hatte. Ohne seinen Beruf, ohne die peinlich gepflegte, später natürliche und echte Liebe zur Wissenschaft hätte er diese aufreibende Wandlung nicht durchgehalten. Er wäre verzweifelt und verkommen. So war ihm die Umbildung gelungen. Er ging in seinem nur geistigen Dasein, seiner einseitigen Starre eines Gelehrten wie in einer Rüstung. Freilich war sie schwer; sie litt kein Rechts und Links, keine heftige Bewegung nach außen und innen. Seine Sinne hatten zu schlafen und erst recht seine Seele. Da gab es keine Vergangenheit. Da gab es keine Natur, wie die, die sonnig mit tannenschwarzen Tälern, mit bunten Wiesen, mit goldgelben Kornhängen am Fenster des Zuges vorbeiflog. Er war blind. Viel blinder als jemand, den er gekannt — vor langer, langer Zeit ...
In Konstanz hatte Perthes noch am Abend die Konsultation, zu der man ihn gerufen.
Am anderen Morgen rettete er dank seiner richtigen Diagnose und der Kraft seiner Hand das Leben eines zwanzigjährigen jungen Menschen. Mit dem gutmütigen Lächeln, das seine starken weißen Zähne unter dem Bart vorblinken ließ, diesem Lächeln, das er so selten und nur noch im Beruf, in einem Moment selbstvergessener Zufriedenheit fand, konnte er dem geängstigten Vater im Vestibül der Klinik die nach menschlichem Ermessen geglückte Rettung mitteilen.
Er entzog sich den lebhaften Danksagungen. Aber sie klangen mit der Freude über die gelungene Operation doch noch in ihm nach, als er später durch die alten, ehrwürdigen Straßen von Konstanz schlenderte. Er mußte einen Abendzug abwarten. Was er sich sonst kaum vergönnen wollte und konnte, ein paar müßige Stunden, sie wurden ihm hier aufgedrängt. Er hatte es seit langem aufgegeben, seinen Stimmungen nachzuhängen. Aber auf der Terrasse des Inselhotels und nachher am Hafen, beim Blick auf die sanfte, klare Wasserfläche, überraschte ihn, den Entwöhnten, ein weiches, versöhnliches Gefühl. Einer jener Augenblicke, in denen ein Hauch der Ewigkeit alle Bitterkeit von Menschen und Verhältnissen wegzuspülen scheint. Er überließ sich halb schmerzlichen, halb süßen Träumereien. Gab es keine, auch nicht eine Möglichkeit des Glücks, in der er und die Frau, die er nun einmal zur Gefährtin seines Lebens gemacht, sich zusammen finden konnten? Es fiel ihm ein — woran er bis jetzt nicht gedacht —, daß Alice nach ihren letzten Nachrichten vielleicht kaum einige Stunden entfernt war. Sie wollte, wie sie geschrieben, acht Tage einer Einladung der Gräfin Hüningen folgen, die auf der Schweizerseite des Bodensees ein Landhaus besaß. Er rechnete die Tage nach. Seine Frau, die in Straßburg bei dem Bruder ihres Vaters, dem Obersten Hupfeld und Cousine Hilla zu Besuch war, mußte jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach drüben, jenseits des Sees, bei den Hüningens sein.
Eine fiebrige Unruhe gesellte sich zu seiner Stimmung.
Wenn er, so wie jetzt mit sich, mit ihr spräche? Wenn sie beide es doch noch einmal, in Ruhe und Vernünftigkeit, wie zwei Leute, die sich kennen und keine Illusionen mehr haben, versuchten, zu einer erträglichen Einigung zu kommen? Zu einem kühlen, sachlichen Frieden, aber doch zu einem Frieden! Schon um des Jungen willen. Für den er keine Zeit hatte, und den er doch zärtlich liebte. Der zwischen ihnen verkümmern und verderben mußte ...