Seiner aufwallenden Stimmung folgend, saß Perthes eine Stunde später auf dem Verdeck eines Dampfers. Er wußte, daß er nicht „klug” handelte, sondern sich nur von einer jähen, unklaren Regung bestimmen ließ. Vielleicht würde er Alice gar nicht treffen; oder sie würde seinen Besuch, seine Vorschläge mit Achselzucken als Sentimentalitäten beiseite schieben, gar in seinem Überfall eine mißtrauische Absicht sehen. Aber die abendliche Fahrt auf dem sanftbewegten, blauen See mit dem Blick auf ferne Alpengipfel hielt einen Schimmer jugendlicher Vertrauensseligkeit in ihm wach.

In Rorschach stieg er aus.

Zu Fuß ging er, nach den nötigen Erkundigungen, aus der Stadt am Strand entlang.

Als er die Villa des Grafen Hüningen gefunden, zögerte er beim Anblick der herabgelassenen Jalousien, die dem Haus hinter dem hübschen, herrschaftlichen Garten ein verlassenes Aussehen gaben.

Er zog an der Torklingel.

Der Gärtner öffnete. Er berichtete, die Herrschaften wären gestern abgereist.

Perthes war niedergeschlagen und ernüchtert. Er nannte seinen Namen und erkundigte sich, ob seine Frau dagewesen sei. Die Frau des Gärtners, die dazukam, wußte Bescheid. Die Dame, die bei den gräflichen Herrschaften zu Besuch gewesen, war einen Tag früher als die Herrschaften selbst abgereist. Wohin wußte sie nicht. Aber richtig! Daß sie das nicht vergaß! Das traf sich ja gut: eine Depesche wäre für die Dame heute morgen noch abgegeben worden. Da sie keine Adresse gehabt, hätte sie sie einstweilen liegen lassen müssen. Die Gärtnersfrau holte sie. Perthes nahm sie gleichgültig an sich, grüßte und ging mechanisch zurück nach der Stadt.

Die Stimmung, die ihn hergebracht, war mit der Enttäuschung verflogen. Wahrscheinlich war Alice wieder nach Straßburg zurückgekehrt. Doch er wußte nichts Genaueres über ihre Pläne. Er öffnete die Depesche, die ihm vielleicht darüber Aufschluß gab. Sie lautete in lakonischer Kürze: „Bin morgen Baden-Baden. Ballonfahrt Dienstag.” Der Ort der Aufgabe hatte französischen Klang. Die Nachricht kam wohl aus der Westschweiz. Eine Unterschrift fehlte.

Wenn das Wort Ballonfahrt nicht gewesen wäre, hätte Perthes das Telegramm so gleichgültig wieder zu sich gesteckt, wie er es mitgenommen und gelesen. So öffnete, las und schloß er es zu wiederholten Malen. Er kümmerte sich so gut wie nicht mehr um das, was Alice tat oder ließ. Aber zwei Dinge hatte er ihr, als sich danach ihre Gelüste regten, ein für allemal verboten. Rennen und Ballonfahrten. Er hatte erfahren, daß sie im Frühjahr in Iffezheim am Totalisator gespielt hatte. Wie er sie kannte, gab es für sie keine gefährlichere Verlockung als das Spiel, und da die Ausgaben das einzige waren, über das er wachte, verbot er ihr den Besuch von Pferderennen aufs entschiedenste. Ebenso wußte er, daß sie sich längst sehnlich wünschte, an einer Ballonfahrt teilzunehmen. Diesen Wunsch verweigerte er ihr, nicht nur weil der Ballonsport ihm zu kostspielig war, sondern weil er die Mutter seines Kindes nicht leichtsinnig der Gefahr ausgesetzt wissen wollte. Die Depesche, die ihm jetzt in die Hände geraten war, verriet ihm, daß sie hinter seinem Rücken nicht daran dachte, seinen Willen zu respektieren.

Gern hätte sich Perthes auf der Rückfahrt mit dem Dampfer nach Friedrichshafen, und von da mit dem Nachtschnellzug heimwärts, wieder nichts sehend und nichts hörend, in seine gelehrte Fühllosigkeit, seinen dichten, schweren Panzer gehüllt. Doch immer wieder tauchte diese Depesche vor ihm auf. So gewiß, als sie unbekümmert um sein Verbot, sich zu einer Ballonfahrt verabredete, würde sie auch sicherlich an den Rennen teilnehmen und spielen, so oft sie wollte. Wenn er erst dahinter kam, daß ihre Ausgaben wieder ins Ungemessene gingen, gab es Mittel und Wege, ihr seinen Willen deutlich zu machen. Möglich auch, daß sie sich nach wie vor von ihren Eltern manches bestreiten ließ: er hatte die beschämende Kontrolle darüber längst aufgegeben. Nur mit seinem Willen durfte das nicht sein. Es war auch vollends einerlei, ob sie Ballon fuhr oder nicht! Und doch — jetzt — wo er sie durch einen Zufall ertappte, gerade bei einem Sport, den er ihr streng versagt hatte — schaffte die törichte Nachricht in ihm. Wenn Alice alles tat, was sie wollte, warum er nicht? Noch vor einigen Tagen hatte er den Brief einer auswärtigen medizinischen Fakultät erhalten, der ihn — einstweilen als Extraordinarius, aber mit der sicheren Aussicht auf das Ordinariat — an eine norddeutsche Universität berief. Er hatte sich die Angelegenheit noch kaum überlegt. Wollte sie auch nicht weiter überlegen, denn er mußte, wollte er nicht mit seinem Schwiegervater, mit Alice einen Sturm bestehen, doch ablehnen. Aber mußte er denn wirklich? Wenn seine Frau handelte, wie es ihr beliebte — brauchte er sich seinen Weg durch Rücksichten verlegen zu lassen? In dem brausenden, hämmernden Nachtzug, im Gedanken an diese malitiöse Depesche, erwachte doch noch einmal sein Widerstand gegen die ewige Unfreiheit, der er verschrieben sein sollte. Er hatte heute nachmittag, in einer schwächlichen Stimmung, von einem kleinstmöglichen Glück geträumt. Mit Träumen war da nichts ausgerichtet! Wenn er handelte?! Wenn er, allen Widerständen zum Trotz, seine Frau nun doch noch aus ihrer unseligen Umgebung herausriß und verpflanzte? Wenn nicht mehr zu seinem und ihrem Heil, so zu dem des Jungen! Darüber brütete er ...