Daheim, nach einigen Stunden Schlafs, wurde sein Entschluß fest. Er wollte die Gärung, die mit der Unterbrechung seines mechanischen Arbeits- und Lebensganges in ihm erregt worden war, benutzen. Er knüpfte Verhandlungen mit der auswärtigen Fakultät an, die ihn rief. Als er den nötigen Brief abgesandt, ging er elastischer als sonst in seine Klinik.

Merkwürdig — die belanglose Depesche, die er vom Bodensee mitgebracht, verfolgte ihn weiter. Schließlich konnte es ihm gleichgültig sein, mit wem sich Alice in Baden-Baden traf. Mit den Hupfelds aus Straßburg, mit ihrem Bruder oder mit anderen Bekannten. Nichtsdestoweniger beschäftigte ihn die Frage.

Auf dem Nachhauseweg traf er gegen Abend den Grafen Hüningen. Er sprach fast nie mit dem wappennärrischen Gardeüberrest, der so geschäftig und gelehrt tat. Heute fragte er ihn höflich nach dem Befinden der Gräfin. Sie war wohlbehalten mit Edith Hammann zurückgekehrt. Der Graf selber war den Seinigen entgegengefahren und hatte sie in Friedrichshafen abgeholt. Er sprach auch von dem Besuch Alices in Rorschach. Perthes schämte sich fast zu fragen, wohin seine Frau gereist sei. Er murmelte eine unverständliche Ausrede und tat es doch. Alice hatte auf Nachrichten aus Freiburg gewartet, wie der Graf sich entsann. Als sie nicht eintrafen, war sie aufs Geratewohl zu ihrem Bruder gereist.

Nun wußte Perthes, daß sie sich höchstwahrscheinlich mit dem Leutnant nach Baden-Baden verabredet hatte. Von ihm mochte die Depesche sein.

Zu seiner Verwunderung erhielt er noch am selben Abend eine Ansichtskarte von seinem Schwager Moritz aus dem Engadin, von einer Hochgebirgstour. Also konnte der es doch nicht sein, mit dem sie zusammentreffen wollte. War sie gar nicht nach Freiburg gereist? Sondern direkt nach Baden-Baden gefahren oder ... Er sträubte sich gegen seine alberne Grübelei. Aber so töricht er sich vorkam, er hatte keine Ruhe.

Sehr gegen seine Gewohnheit ging er am nächsten Nachmittag mit seinem Jungen um die Teestunde nach Stift Nieburg. Man nahm ihn freundlich auf. Besonders der Kleine war stets willkommen und wurde stets mit Kuchen vollgestopft. Wo Alice gerade war, wußten Hupfelds nicht. Sie hatten zuletzt eine Karte vom Bodensee gehabt. Die Gräfin Hüningen kam zum Tee. Sie brachte Grüße von Alice und erzählte Wunder von ihrem famosen Aussehen.

Dann sprach man von unzähligen Dingen, die Perthes nicht interessierten, die er aber aus Artigkeit mit anhörte.

Der Geheime Rat fragte die Gräfin beiläufig nach Professor Hammann, ihrem Schwiegersohn. Sie wußte nicht viel von ihm. „Überarbeitet” wie er gewesen, hatte er einige Wochen vor Semesterschluß seine Vorlesungen und Studien abgebrochen und Touren in der französischen Schweiz gemacht. Auf dem Genfer See hatte ihn eine Regatta gelockt. Der Sport war nun einmal sein Steckenpferd. Und auf der Rückreise wollte er, so viel sie wußte, noch ein oder zwei Ballonfahrten in Baden-Baden mitmachen. — Edith, seine Frau, war, da sie einem freudigen Ereignis entgegensah, mit den Hüningen am Bodensee gewesen und jetzt daheim — indolent und schön wie immer, wie die Gräfin selbst lachend hinzusetzte.

Es war an sich nichts Besonderes, was Perthes auf Nieburg hörte. Und doch versetzte es ihn in gesteigerte Unruhe. Daß die Depesche an Alice aus der französischen Schweiz kam, konnte der reine Zufall sein. Daß sie und Hammann sich eventuell mit dritten Bekannten in Baden-Baden zu einer Ballonfahrt trafen, war möglich, aber für ihn jedenfalls uninteressant.

Und doch konnte er es auf dem ganzen Heimweg von Stift Nieburg nicht unterlassen, seine einmal entfesselte Spürkraft weiter zu üben. Er spottete über sich und seinen spielerischen Eigensinn und kam gleichwohl nicht davon ab.