Der kleine Benno, den er an der Hand hatte, war sehr ungehalten, daß sein Papa ihm oft gar keine oder ganz unzureichende Antworten auf seine zahlreichen, höchst wichtigen Fragen gab. Er rief gebieterisch. Wenn Perthes dann aufschrak aus seinem Sinnen, war er wütend über den Jungen und über sich. Was ging denn mit ihm vor? Wollte er sich zum Detektiv ausbilden? Wollte er einen neuen Giftstoff in seine ohnehin vergifteten Beziehungen zu Alice hineinpraktizieren? Entdeckte er in sich ein Talent zur Eifersucht? Jetzt noch, wo ... Verächtlich biß er sich auf die Lippen. Es fiel ihm die Geschichte ein, die ihm seine Frau seinerzeit als Tauschobjekt für seine mißlungene und abscheuliche Beichte über sich und Marga Richthoff angeboten und später auch wirklich erzählt hatte. Wahrscheinlich kam er darauf, weil Benno, jetzt schon zum dritten Mal eine ihm sehr bedeutend scheinende, Perthes sehr ungelegene Erzählung aus dem Richthoffschen Kindergarten mit wachsender Bestimmtheit vortrug. Er hörte daneben deutlich das saloppe Tauschgeständnis, das Alice damals abgelegt: wie sie mit diesem kleinen, patenten Hammann, dem gut gepflegten Sportsmann und Auchbakteriologen, geflirtet hatte; wie sie sich beide ganz nett hätten leiden können, aber eines Tages bei dem Gedanken an Verlobung und Heirat „auseinandergelacht” hätten. Ob es für Alice ein größeres Vergnügen hätte geben können, als zu wissen, daß er sich in solchem Zusammenhang an ihre Geschichte erinnerte? Daß er sich nun auch noch auf die abgegriffene Spezialität der Eifersüchtelei verlegen wollte? Das Vergnügen wollte er ihr denn doch nicht gönnen! —
Daheim ließ Perthes den Jungen zu Bett bringen und warf sich entschlossen auf seine Arbeit.
Keine Minute länger durfte diesem müßigen und kläglichen Spintisieren gehören.
Er arbeitete bis tief in die Nacht. Erfüllt von wissenschaftlichen Ideen, völlig abgezogen von den Torheiten der letzten Tage, legte er sich zu Bett.
Er schlief sofort ein, mit der bleiernen Schwere, die der erschöpfte Kopf gab ...
Nach wenigen Stunden fuhr er beklommen in die Höhe. Ein Traum, ein hämischer, raffinierter Traum hatte ihn aufgeschreckt. Alle Klügeleien, seine eingestandenen und verborgenen Verdächtigungen hatte dieser Traum mit folgerichtiger Teufelei zu einem höhnischen Bild vereinigt, das ihn mit seiner alpdrückenden Gewißheit aufjagte. Er rang nach Atem, nach Beruhigung. Er suchte seine Beklemmung abzuschütteln. Aber sie wich nicht. Seine Phantasie arbeitete fort, ob er wollte oder nicht. Er wußte gar nicht, ob er überhaupt wach geworden war, oder ob er weiterträumte. Bestimmte Einzelheiten, Äußerungen, die er vergessen, mit halbem Ohr gehört, Szenen des Zusammenseins mit den Hammanns bei seinen Schwiegereltern, bei jenen selbst, hier im eigenen Haus — sie standen in einem neuen, verfänglichen Licht vor ihm. Besonders war es ein Wort Alices, das sie bei einer Schmauserei mit ihrem göttlichen Leichtsinn in die Unterhaltung geworfen und das jetzt mit beinahe physischer Leuchtkraft vor ihm brannte. „Edith, wie wär's, wenn wir uns heute mal so richtig übers Kreuz amüsierten, du mit meinem, ich mit deinem Kreuzritter?!” Hatte es dabei nicht boshafter und tückischer denn je in ihren Augen geflackert? Und sie hatten alle vier darüber gelacht. Er sah und hörte dies Lachen. Er lachte aus Höflichkeit, Edith Hammann belustigt in ihrer stumpfen, so gar nicht abenteuerlustigen Art, Alice kurz und aufreizend, wie sie es gern tat, und Hammann mit verlegener Lautheit ...
Perthes war aufgesprungen.
Mit behender Hast, immer unter dem Zwang dieser Wahnvorstellungen, halb träumend, halb wach, warf er sich in seine Kleider. Es dämmerte noch kaum, und er zündete ein Licht an. Er war sich keiner bestimmten Absicht bewußt und handelte doch von Sekunde zu Sekunde mit der exakten Konsequenz eines Nachtwandlers.
Er stieg die Treppe hinunter.
Dann betrat er das Zimmer seiner Frau neben dem Speisezimmer. Vor ihrem Schreibtisch machte er halt und setzte seine Kerze nieder.