Dort streckte sie sich aus.
Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Augen geschlossen, überließ sie sich ihrem Schauen. Aus dem Schoß ihrer immerwährenden Nacht quoll ihr Bild auf Bild entgegen. Nicht verschwommene, sondern scharfe und klare Gesichte, die ihre Phantasie sich schuf, und in denen ihre reiche Seele sich auslebte und ausruhte. Da war ein fernes, schimmerndes Tal, über und über von rotblühenden jungen Pfirsichbäumen voll. Ein tausendfältiger Schwarm von weißen, samtflügeligen Faltern gaukelte darüber: ein flatterndes Gewölk, das wie eitel Silber gegen den tiefblauen Himmel stand. — Ein verschlafener See blitzte auf, inmitten dunkel wuchtender Tannenberge. Das fahle, magische Licht drang aus gelben Wolkenstreifen über die Landschaft. Der Wind hob leise die Wellen, daß die Seerosen schwankten, und ein schwarzer Schwan zog sanft am Schilf entlang. — Die Berge rückten auseinander. Der See verschwand. Lachende, unabsehbar weite Blumenwiesen taten sich auf: gelbe Königskerzen und weiße Schafgarben und blauer Rittersporn wirrten sich leuchtend durcheinander, so weit der Blick reichte. Darüber, am Horizont, erhoben sich kristallene Sommerwolken, überirdische Berge, himmlische Paläste, in denen die Sonne selbst zu wohnen schien. —
Marga war so entrückt, so selig im Schauen versunken, daß sie nicht hörte, wie ein behender Schritt die Stufen nach dem Laubengang heraufkam. Erst als ihr Name gerufen wurde, zuckte sie auf und richtete sich aus dem Gras empor.
„Fräulein Richthoff!” ertönte es von neuem.
Sie erkannte Perthes' Stimme und gab keine Antwort. Noch war sie nur halb aus ihrer Traumwelt erwacht, und kein Fremder sollte sie stören. Sie duckte sich wieder tiefer ins Gras.
Aber seine Augen hatten ihr helles Kleid in der dunklen Wiese erspäht. „Wo in aller Welt stecken Sie denn? Sie haben sich ja richtig versteckt!”
„Bei mir selber,” gab sie einsilbig zurück.
„Drunten wird eine Bowle gebraut! Ich soll Sie holen.” Perthes war vollends zu ihr heraufgeklettert. „Darf ich mich einen Augenblick neben Sie setzen?” Ohne ihre Zustimmung abzuwarten, streckte er sich neben ihr im Gras aus.
Marga strich die Haare aus dem Gesicht und setzte sich, ihren Haarknoten zurechtsteckend, aufrecht.
Vom tieferen Garten und vom Hof herauf kam der matte Widerschein der Papierlaternen und gab im Verein mit dem sternklaren Himmel gerade Licht genug, um Perthes ihre stillen verschlossenen Züge sehen zu lassen. Nach dem ausgelassenen Spiel mit seiner lauten, übermütigen Lustigkeit, die er eben verlassen, berührte ihn ihre ruhevolle Erscheinung hier oben im Garten seltsam.