Marga zuckte die Achseln. Ehe sie antworten mußte, fiel dem alten Herrn glücklicherweise eine Briefschuld an Schlutius in Bonn aufs Herz. Darüber vergaß er völlig, seine Frage zu erneuern. —

Gegen den ihr sonst so lieben Platz im Vorgarten hatte Marga eine merkwürdige Abneigung bekommen. Als Tag um Tag verstrich, ohne daß Perthes mit seinem eiligen Schritt die Treppe heraufkam, um sich neben sie unter die Kastanien zu setzen, wurde ihr der Ort, der Zeuge freundlicher Stunden gewesen war und jetzt ihre Erwartung immer aufs neue trog, unerträglich. Sie zog es vor, die Zeit, in der sie sich selbst überlassen blieb, in der Geißblattlaube zuzubringen, am Ende des Blumengartens, dort, wo die ersten Stufen zu den Obstbäumen führten.

Es war ein besonders warmer, fast schwüler Vormittag, als sie dort, wie gewöhnlich, saß. Sie hatte eins ihrer Blindenbücher mitgenommen, von denen sie eine kleine Bibliothek besaß, die zu Weihnachten oder zum Geburtstag ihre stetige Ergänzung erfuhr. Der große, beleibte Band — Storms „Schimmelreiter” — nahm aufgeschlagen beinahe die Hälfte des Tisches ein. Ihre Finger tasteten von Punkt zu Punkt, und ihre Lippen lasen leise mit.

Im Schatten der dichtgewachsenen Blätter, die das Sonnenlicht zu einer goldgrünen Dämmerung dämpften, saß es sich gut. Die schwermütige Versonnenheit der Erzählung wirkte beruhigend auf Margas wunde Seele. Sie war so in ihr Lesen vertieft, daß sie überhörte, wie jemand vom Hof heraufkam. Elli kehrte von der Stadt zurück. Den rosenumrankten Strohhut, der schief und keck über dem krausen blonden Haar saß, hatte sie in den Nacken zurückgeschoben, und das erhitzte Gesicht fächelte sie mit dem Taschentuch.

„Uff! ich sag' dir, Margakind, das ist eine Hitze —”

Marga sah auf und schob ihr Buch zurück.

„Unausstehlich!” fuhr Elli fort, während sie sich neben sie auf die Bank setzte. „Du hast's gut hier im Schatten.”

„Wo warst du denn?” fragte Marga.

„Im Bad. Köstlich! Ich schwimme jetzt wie ein Fisch. Am liebsten hätt' ich gleich den ganzen Fluß ausgetrunken.”

„Und dann hast du dich so heiß gerannt? Das ist aber töricht, Kleinchen!” meinte Marga, während sie Ellis Wangen berührte. „Du glühst ja wie ein Backofen!”