Der Druck seiner Hand kam Marga kühl und abwesend vor. Sie hätte ihn gern wie sonst nach der Tür begleitet. Aber ihre Kraft reichte nicht aus.

Als er längst gegangen war, saß sie noch immer reglos und ohne die Arbeit wieder aufzunehmen an dem eingelegten Ebenholztisch in der Glasveranda. Der Regen schlug dumpf gegen die Scheiben. Eine starre Gleichgültigkeit und Öde lähmte ihre Sinne und Gedanken. Mochte die Freundschaft zu Ende sein — was lag ihr noch daran! Sie hatte nicht anders gekonnt ...

Es sah allerdings danach aus, als sei es nach dieser grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der erst vor einigen Wochen geschlossenen Freundschaft tatsächlich zu Ende. Tag um Tag verging, ohne daß Perthes sich wieder im Haus am Wenzelsberg sehen ließ. Für Marga war es eine Zeit voll Sorgen und Selbstanklagen. Das quälerische Auf und Ab und Hin und Wider ihres Herzens ermüdete sie so, daß sie bisweilen am hellen Tag von einem kurzen, erquickungslosen Schlaf befallen wurde. Hundertmal wiederholte sie sich, was sie an jenem kritischen Vormittag gesprochen und wie sie sich voneinander getrennt hatten. Jedes seiner Worte, jedes der ihren wog sie ab und wandte es nach beiden Seiten. War sie zu schroff gewesen? Hatte sie nicht doch mit ihrer strengen Scheidung von mein und dein die Pflicht der Freundschaft verletzt? Sie mußte ihm lieblos und egoistisch vorgekommen sein. Er konnte die Beharrlichkeit nicht verstanden haben, mit der sie ihm ihren Rat verweigerte. Warum sagte sie nicht ehrlich: Sie irren sich über das, was Sie brauchen! Sie täuschen sich über sich selbst und über das Mädchen, das Sie zu lieben meinen. Ihre Tiefe braucht nicht Oberfläche, sondern wieder Tiefe. Sie brauchen ... Margas Gedanken stockten. Es überfiel sie wie Scham; als hätte sie gesprochen, was sie nicht durfte, das Geheimnis ihrer Liebe preisgegeben, ihm zugerufen: Mich, mich brauchst du! Ich verstehe dich besser, als du dich selbst verstehst! Ich kann dir aus meiner Stille und Klarheit die deine finden helfen — — Wie? Sie hätte sich angeboten? Sie, Marga, die Stolze, Verschlossene und Einsame! Schande, Schande, es nur zu denken! Nicht ein Wort durfte ihn auf den Gedanken ihrer Liebe bringen. Sie hatte schweigen müssen. Die Pflicht, die sie vor sich selbst hatte, war und blieb die höhere, und wenn sie daran verbluten sollte ...

Wenn sich Marga so immer wieder zum selben Ergebnis durchkämpfte — die Sorge um Perthes konnte sie damit nicht verbannen. Sie wuchs mit jedem weiteren Tag, den er fernblieb. Das untrügliche Ferngefühl, das ihre Seele wie einen Ersatz für die erloschenen Augen in ihr ausgebildet hatte, war seltsam wach in ihr: die Enttäuschung über Hilde König mußte unaufhaltsam über ihn kommen. Vielleicht war sie schon da, und Perthes war unter den Trümmern seiner hochgestimmten Hoffnungen niedergebrochen. Maßlos, wie er war, mußte die Ernüchterung alles in ihm umstürzen. Wohin ihn dann seine Leidenschaftlichkeit trieb — wer konnte es ausdenken? Marga sah sich von einer grausamen Furcht gepackt. Sie forschte nach allen Seiten, um unauffällig eine Nachricht über ihn zu erhaschen.

Es war wenig und widersprechend genug, was sie erfuhr.

Elli und Käthe lebten und webten in den Vergnügungen des Sommersemesters. Bald war es eine Damenkneipe, zu der die Erlaubnis dem alten Herrn abgelistet werden mußte, bald ein Stiftungsfest mit Ausfahrt oder ein verspäteter musikalischer Tee — eine Neuerung im gesellschaftlichen Leben, die Vater Richthoff grimmig verabscheute. Begreiflich, daß die beiden jungen Mädchen dabei von ihren Gedanken und Empfindungen, von „ihren” Herren zu erfüllt waren, als daß sie auf Doktor Perthes, den man ja doch nirgends traf, geachtet hätten. Elli wollte ihn in einem weißen Tennisanzug gesehen haben: vielleicht gehörte er neuerdings zu dem Sportklub, in dessen Mittelpunkt Fräulein Exzellenz, Alice Hupfeld, stand. Es war dies ein Kreis, der dem Richthoffschen so fern stand, daß er ihn trotz der akademischen Beziehungen kaum berührte. Ein andermal berichtete Käthe, Perthes hätte seine Spaziergänge in der Uferstraße so gut wie ganz aufgegeben. Das hatte sie von ihrer Freundin Lizzie gehört, die ja dort wohnte. Endlich war er mit Hilde König eines Abends im Stadtgarten gesichtet worden. Lauter Nachrichten, die Marga nur hin und her rissen, zu Vermutungen brachten, die sich nicht zusammenreimen ließen, sondern sie nur noch unruhiger und trauriger machten.

Die dritte Woche war angebrochen.

Perthes kam so wenig wie in den beiden vorigen.

Nun fiel sein Ausbleiben auch den Schwestern auf. Käthe bemerkte gelegentlich zu Marga, die Mediziner wären eben doch „immer” unzuverlässig. Elli, die aus ihrer Neigung für Wilkens heraus etwas von Margas Kummer witterte, erklärte, von der altklugen Weisheit Käthes angesteckt, ein Mann, der sie wegen eines anderen Mädchens nicht grüßte, wäre ihr so viel wert: sie blies höchst geringschätzig über ihren Handrücken. Dann schloß sie unvermittelt Marga in die Arme, küßte sie und versicherte: „Ich, Margakind, ich bin eben doch dein einziger, getreuester Liebhaber! Das merk dir und verrate mich nicht für solche Bazillengucker!” Der Spaß war harmlos und ehrlich gemeint. Daß er dabei so herzhaft weh tat, ahnte Elli nicht von ferne.

Und zu guter Letzt ließ sich bei einem Mittagessen sogar der Geheimrat vernehmen: „Was macht denn dein — dein — na, wie heißt er denn? Der Sparafantel aus Hemsbach, der dich unterrichten wollte?”