„Ich habe sie Ihnen geschildert. Sie können sich gewiß ein Bild von ihr machen, Fräulein Marga.”
„Auch das nicht!” gab sie noch leiser zurück. Sie war fest entschlossen, sich kein Urteil von ihm abzwingen zu lassen. Der Gedanke, daß sie dem Mädchen unrecht tun und die entfernteste Eifersucht ihre Meinung trüben könnte, bestärkte sie nur in ihrem Vorsatz.
„Aber raten können Sie mir doch! Sie kennen mich! Sie müssen beurteilen können, ob ein Geschöpf, wie ich es Ihnen schilderte, das ist, was ich brauche. Ob Sie glauben, daß ich auf der rechten Fährte bin und mein Glück finden kann. Sie predigen mir ja immer, ich soll mich mehr auf mein Gefühl verlassen als auf meinen Verstand!”
Marga hätte ihm antworten können, was sie ihm kürzlich geantwortet hatte: daß es Gefühle gäbe, die unter den Gedanken, und andere, die über ihnen stünden; aber sie wollte nicht. „Wenn Sie Ihres Gefühls so sicher sind, brauchen Sie meinen Rat ja gar nicht,” sagte sie ausweichend.
„Und das heißen Sie Freundschaft? Verzeihen Sie, Fräulein Marga, aber jetzt sind wir quitt. Sie verleugnen mich innerlich genau so, wie ich es gestern äußerlich tat!” In unwillkürlicher Erregung schlug er mit dem Absatz mechanisch auf den Fußboden. Seine großen, braunen Augen schossen zornige Blitze auf ihr Antlitz, in das die verborgene Qual dieser Stunde trotz aller Beherrschung mehr und mehr ihre Zeichen grub. Wäre er weniger nur mit sich beschäftigt gewesen, so hätte ihm ihre Veränderung nicht entgehen können. So wiederholte er nur noch ingrimmiger: „Und das heißen Sie Freundschaft?!”
Marga straffte sich in ihren Stuhl zurück. Die Härte seines Vorwurfs gab ihr einen Teil ihrer Kraft wieder. Doch ehe sie antworten konnte, fuhr er aufgeregt fort: „Ich, der Freund, habe Ihnen mit einer Offenheit, wie ich sie sonst keinem Menschen zeige, gesagt, wie es um mich steht, und Sie, die Freundin —”
„Ich, die Freundin,” unterbrach ihn Marga mit bebender Stimme, „bin so offen wie Sie. Deshalb sage ich Ihnen: Was Sie von mir fordern, geht über die Freundschaft. Und wenn Sie mir dafür Ihre Freundschaft aufsagen wollen, Doktor Perthes! Was Sie von mir verlangen, kann keine Frau einem Mann erfüllen. Über Ihre Liebe müssen Sie selber mit sich einig werden. So wenig ich Ihr Leben für Sie leben kann, ebensowenig kann ich mich für diese Liebe verantwortlich machen. Aus Klugheit kann ich das nicht. Aus Selbstachtung nicht. Und aus Achtung vor Ihnen nicht!”
Perthes sah sie mit aufgerissenen Augen verwundert an. Die Gegenwehr, zu der sich ihr gemartertes Herz aufgerafft, um sich von dem Unmöglichen zu befreien, mit dem er sie peinigte, gab ihren Worten einen Ton von so leidenschaftlicher, bitterer Entschlossenheit, daß er sie kaum mehr erkannte. Eine stürmische Blutwelle hatte ihr Gesicht mit jäher Röte übergossen. Ihr Mund, ihre Stirn zuckte von schmerzlichen Falten. In ihren Augen glomm es wie ein Funke des Sehens. Dann sank sie erschöpft in ihre frühere Regungslosigkeit zurück.
Ein so schlechter Beobachter Perthes bis jetzt gewesen: für einen Moment war es ihm, als risse der Blitz eine meilenferne, ungeahnte Landschaft in sein Gesichtsfeld. Ob diese Blinde mehr für dich empfindet, als du ahnst? Ob sie dich liebt? — Eine Sekunde nur, und die Vermutung, die ihm unsinnig dünkte, war ausgelöscht. Nur der Respekt vor ihrem unbeugsamen Willen erfüllte ihn und dämpfte seinen Ärger. Seine Verstimmung kehrte sich gegen ihn selbst.
„Lassen wir's gut sein! Ich überspanne die Pflicht der Freundschaft, wie ich alles überspanne. Ich werde ein andermal anspruchsloser sein, Fräulein Marga.” Er hatte sich erhoben und verabschiedete sich.