Als Marga keine Anstalt machte, ihm zu Hilfe zu kommen, ergriff er den Stuhl, auf dem er gesessen, mit beiden Händen so heftig an der Lehne, daß er in den Fugen knackte. „Ich weiß ganz genau, daß das so nicht geht. Ich war einfach dumm und feig. So ungefähr wie der Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, damit man ihn nicht sieht. Und so feig wie ein Mensch, der seine Freunde verleugnet, weil ...” Er vollendete den Satz nicht und ließ sich auf den Stuhl fallen. „Sie sind in vollem Recht, wenn Sie mir dafür den Laufpaß geben!”

Marga hielt in ihrer Häkelei inne. Ihre Züge hatten sich aufgehellt. „Da Sie so ehrlich sind, braucht es das nicht!” sagte sie einfach.

„Ehrlich! Ehrlich! Ich hätte viel früher ehrlich sein sollen! Ist das Freundschaft, wenn einer dem anderen das Wichtigste verbirgt, was mit ihm vorgeht? Ich bin in das Mädchen, mit dem ich Ihnen gestern abend begegnete, verliebt. Wußten Sie das?”

Marga nickte kaum merklich. Sie wußte es. Und doch meinte sie, es erst seit diesem Augenblick zu wissen — so schnitt ihr sein Bekenntnis in die Seele. Sie sah voraus, daß er ihr jetzt sein ganzes Herz ausschütten würde, genau wie damals, als sie am Gartenfest auf dem Weinberg beisammensaßen und er seine Zerrissenheit vor ihr aufdeckte. Das Weib in ihr, dessen Liebe sie niedergezwungen, wehrte sich gegen die Qual dieses Mitwissens. Die Freundin, der sein Vertrauen galt, mußte geduldig zuhören. Der Faden verwirrte sich unter ihren zitternden Fingern. Sie beugte sich tiefer und tiefer über das Gewirr und schien ganz damit beschäftigt, es zu lösen.

Und Perthes, der von dem, was in ihr vorging, nichts ahnte, begann in abgerissenen Sätzen, nur von sich und seinen Gefühlen erfüllt, seine Beichte. Er schilderte, wie das hübsche Ufermädchen ihn gefangen genommen. Allmählich, ohne daß er es wußte und wollte. Fester und immer fester. Wie er sie zuerst sah, im Stadtgarten; wie sie ihm mit der Musikmappe begegnete; wie er ihr Haus am Ufer entdeckte und immer wieder dort vorbeiging; wie er sie angesprochen, sie begleitet — alles schilderte er mit der mitleidlosen Genauigkeit eines Menschen, dem es wohltut, das, was er bisher in sich verschlossen, herausgeben zu dürfen. Leidenschaftlich zeichnete er den Eindruck von Hilde Königs äußerer Erscheinung. Ihre leichte, frische Kindlichkeit; ihre mädchenhafte Zurückhaltung neben ihrer selbstsicheren Freiheit. Erst als er von ihrem inneren Wert zu sprechen anfing, wurde er ungewisser. Seine Unklarheit über diesen Punkt, seine Zweifel verrieten sich in allgemeinen Behauptungen. „Sie ist nicht abgründig tief, nicht problematisch! Sie hat sicher nicht mehr Verstand als tausend Frauen. Oh — Schwersinnigkeit und Schwerlebigkeit, damit kann ich selber aufwarten! Was ich brauche, was ich bei den Frauen liebe, ist das Leichte, Duftige, Sonnige! Was über die eigenen unzufriedenen Grübeleien fortträgt! Was das Leben, statt zu Ekel und Last, zum schönen Spiel macht! Es taugt nichts, wenn zwei schwere Naturen sich zusammentun: sie reiben sich wund. Ein Falter muß es sein, der zu einem Kriechtier, wie ich es bin, paßt. Glauben Sie das nicht auch, Fräulein Marga? Hab' ich nicht recht? Sie wissen, wie ich bin. Sie als Freundin — Sie müssen mir raten! Sie kennen ja mich und meine Unrast und Verschrobenheit.”

Eine unbeabsichtigte, nervöse Selbstironie klang durch seine mit Bildern überladene Sprache.

Marga hatte es aufgegeben, den Faden ihrer Häkelarbeit zu entwirren. Sie hatte die Arbeit auf ihren Schoß sinken lassen. Bewegungslos empfing sie das Geständnis seiner Gefühle für eine andere. Zwei bittere Falten verlängerten die Winkel ihres schmalen, zusammengepreßten Mundes. Ihre Farbe war so durchsichtig, daß man das Blut an den Schläfen auf- und niedersteigen sah.

Daß er seine Neigung für diese andere so leidenschaftlich aussprach; daß er das Mädchen mit überschwenglichen Farben malte und gerade vor ihr, Marga, die lockende, leichte Äußerlichkeit im Gegensatz zur Innerlichkeit, der sie zugehörte und als Blinde doppelt zugehörte, als sein weibliches Ideal in den Himmel hob — das war es nicht, was sie am schwersten traf. Was ihr für den Augenblick alle Fassung rauben wollte und was über ihre Kraft ging, war die Gewißheit, daß er sich täuschte. Er täuschte sich über sich selbst, denn er war der Mann nicht, der an einem Schmetterling dauerndes Genügen fand. Er brauchte nicht eine Seele, die die seine über die Schwere der eigenen Natur und den Ernst des Daseins fortgaukelte, sondern eine, die sich mit ihm zusammen durchkämpfte und darüber emporhob. Er täuschte sich aber auch über Hilde König. Wenn Marga das nicht schon vorher gewußt hätte: seine Schilderung konnte ihr keinen Zweifel darüber lassen. Das Mädchen war nicht das unschuldige Kind, das er in ihr sah. Das Kind war vielmehr er, den seine praktische Unkenntnis weiblichen Wesens irreführte. Die Einfachheit, die er hinter ihrer schimmernden Jugendlichkeit vermutete, war Leere, und die selbstsichere Freiheit wurzelte in einem kühlen, berechnenden Herzen. Und er mußte seine Täuschung behalten. Sie, die Freundin, durfte nicht reden. Dazu hatte sie kein Recht, weder vor ihm noch vor dem Mädchen, das er liebte. Das war es, was Marga vor Schmerz und Bitterkeit erstarren machte; sie noch immer schweigen und bewegungslos dasitzen ließ, als er längst geendigt hatte.

„Sie sagen ja gar nichts! Reden Sie doch! Ich will wissen, wie Sie darüber denken!” drang Perthes vorwurfsvoll in sie. „Kennen Sie Hilde König?”

„Nein, ich kenne sie nicht,” kam es leise von Margas Lippen. Sie sagte nicht die volle Wahrheit, aber sie konnte nicht anders.