„Erraten!” rief Elli. „Aber mit wem? Das errätst du noch viel weniger. Das —” Elli hielt in ihrem lustigen Bericht inne.
Marga hatte alle Farbe verloren. Ihre Hände zitterten, und ihr Kopf bog sich zurück, bis er an der Wand der Laube, zwischen den Blättern einen Halt fand. Die Augen waren geschlossen, und die Lippen rangen nach Luft.
Elli war aufgesprungen. Bestürzt schob sie ihr die Arme um die Schultern.
„Aber Margakind! Was hast du denn? Was machst du denn? So sei doch verständig!”
Plötzlich schoß ihr die Erklärung durch den Sinn. Sie erriet, welchen Namen Marga zu hören fürchtete, und begriff das ganze, ängstlich behütete, schwere Geheimnis der Schwester.
„Aber nein! nein! nein!” rief Elli und umschlang sie noch fester. „Nicht mit dem! Nicht mit Doktor Perthes! Ganz gewiß nicht! Mit einem Gymnasiallehrer, den du gar nicht kennst! Du kannst mir's glauben, Margakind! Ich wollte nur einen Scherz machen! Ich hatte ja keine Ahnung, daß —” Sie bedeckte sie mit Küssen. Sie war unglücklich, den Tränen nahe, empört über sich und ihre Plumpheit und verwirrt durch das Neue, Unerwartete, das ihr die Erschütterung der Schwester zu verstehen gab.
Marga schlug langsam die Augen wieder auf. Sie zitterte noch immer. Aber sie versuchte zu lächeln. „Wie dumm ich bin!” flüsterte sie. „So — schwach zu sein!” Sie richtete sich auf und löste sanft Ellis Arme von ihrem Nacken. Eine rührende Mischung von Verlegenheit und Hilflosigkeit malte sich in ihrem Gesicht.
Elli zog sie aus der Laube. „Komm! Komm! Im Hof ist's jetzt wundervoll kühl. Da gehen wir auf und ab!” Sie nahm Margas Arm und legte ihn sich um die Hüfte. Ihr ganzes überströmendes Herz war erwacht. Sie drängte sich, zutraulich wie ein kleiner Vogel, an Marga und suchte ihr teilnehmendes Verstehen durch verdoppelte Zärtlichkeit auszudrücken. Obwohl ihr tausend Fragen auf den Lippen schwebten, die zu unterdrücken für ihre Quecksilbernatur kein leichtes war, wartete sie eine gute Weile und schritt, Seite an Seite mit Marga, schweigend im schattigen Hof auf und ab. Dann drückte sie ihr den Arm. „Ich versteh' dich ganz, Marga! Du brauchst mir, wenn du nicht willst, kein Wort zu sagen. Ich versteh' dich und achte dich. Und was wir da in der Laube sagten und fühlten, gehört nur uns beiden allein! Ich denke mir nichts und erinnere dich nie daran. Husch — ist es fort. Ich weiß nichts mehr davon!”
Marga schüttelte den Kopf. „Nein, nein, Elli!” meinte sie ernsthaft. „Wenn ich mich schon verraten mußte, war's bei dir am besten. Denn zu dir hab' ich das meiste Vertrauen.” Es war ihr eine Erleichterung, zu reden. Die Qual der letzten Wochen, die ihr Inneres um und um gewühlt hatte, verlangte danach, sich auszuströmen. Erst scheu und zaudernd, dann tapfer und rückhaltlos enthüllte sie das Geheimnis ihrer Liebe; wie sie sie entdeckt und niedergekämpft hatte; wie sie sie für immer in sich verbergen und niederhalten wollte und mußte. Ihr Stolz und ihre Besonnenheit kräftigten sich wieder, während sie erzählte.
Elli hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Sie war glücklich darüber, Margas Vertraute zu werden. Ihre Liebe zu Wilkens, die ja doch auch, freilich mit einem größeren Recht auf Wirklichkeit, in eine noch recht ferne Zukunft baute, wollte die hoffnungslose Entsagung für niemanden gelten lassen. Wenn man bisher stillschweigend immer nur angenommen hatte, Marga müsse ihren Weg durchs Leben allein gehen, so war das schließlich noch kein unumstößlicher Beweis, daß das Leben es doch nicht anders wollte. Und als Marga ihr Geständnis beendigt hatte, da ließ Elli ihrem fröhlichen Optimismus voll die Zügel schießen: nicht nur aus Mitgefühl, sondern in der ehrlichen Überzeugung und in dem heißen Wunsch, auch die Schwester, gerade sie in ihrer Dunkelheit, könne und müsse lieben dürfen und geliebt werden. Ihre jugendliche Phantasie ersann einen ganzen Roman, den sie glaubte und glauben machen wollte. Und Marga, auch wenn sie ungläubig blieb, hielt sich doch mit geheimem Entzücken an diesen Zuspruch. Ist ja doch kein Menschenherz, und zumal kein junges, so untröstlich düster, daß es nicht in seinem verborgensten Winkel mit einem Stäubchen Hoffnung spielte! Mehr und mehr erschloß sie sich dem Vertrauen, das sich ihr bot. Auch ihre Angst um Perthes, ihre Sorge, er möchte sich, wenn er nun die Verlobung Hilde Königs erfuhr, in seiner Verzweiflung verlieren, teilte sie mit Elli.