Und das Kleinchen riet kühn und praktisch, was Marga selbst sich nicht zu raten wagte. „Weißt du was? Du mußt ihm einfach schreiben!” platzte sie siegesgewiß heraus.

„Aber das geht ja nicht!” wandte Marga zaghaft ein.

„Das geht nicht? Warum? Ich — ich, ja weißt du, ich schreibe natürlich nie an Wilkens.” Elli wurde ein bißchen rot, weil ihr einfiel, daß sie doch schon geschrieben. „Aber das ist ja ganz was anderes! Unsereiner soll nun mal nicht an Herren schreiben. Dafür sehen und sprechen wir uns öfter. Und du — bei dir ist das überhaupt ein Ausnahmefall! Du bist ein ganz anderer Mensch als wir. Du kannst dir ruhig das Recht nehmen. Auch als Freundin! Er kann's sogar beinahe von dir erwarten. Du mußt schreiben, Margakind! Glaub mir, du mußt!”

Vom Eßzimmer klang Händeklatschen. Käthe erschien in der Tür. „Aber wo steckt ihr denn? Es ist ja Essenszeit! Schnell! Schnell!”

Und Papa Richthoffs Stimme schallte paschahaft-unwirsch hinterdrein: „Was ist das für 'ne Wirtschaft! Ich soll wohl die Damen zu Tisch bitten?”

Marga und Elli eilten, was sie konnten, ins Haus und zu Tisch.

Während des Essens hatte Marga Zeit, sich Ellis Rat zu überlegen. Sie sah auch den Ausweg, zu schreiben, als den besten an. Die Bedenken, die ihr Gewissen nicht wegräumen konnte, beschwichtigte Ellis überzeugende Rabulistik. Überdies streichelte und zupfte das Kleinchen sie heimlich mehr als einmal unter dem Tisch und tuschelte ihr zu: „Es bleibt dabei. Du mußt! Gleich nachher!”

Bis der alte Herr, der in seiner Kaisergeschichte gerade bei der Verschwörung des Parthenius und Stephanus gegen Domitian war, energisch brummte: „Keine Verschwörungen bei Tisch! Das lieb' ich nicht, Mamsell Plappertasche!”

Kaum war die Mahlzeit vorbei, so verwickelten sich Elli und Käthe über eine selbst zu schneidernde Bluse in die dringendste Unterredung, der eine weitläufige Anprobe folgen mußte.

Der alte Herr ging in den Weinberg, um die gewohnte Besichtigung auf Unkraut und Schnecken vorzunehmen, ehe die Sprechstunde begann. Eine Sprechstunde, die jetzt, mitten im Semester, meist in eine Ruhestunde überging, wovon jedoch niemand etwas wissen durfte.