Marga hatte also Zeit und Gelegenheit, in der Dachstube oben den großen Schritt zu wagen.
Eine Weile saß sie unschlüssig vor ihrem Briefbogen. Allerhand Formbedenken wollten in ihr aufsteigen. Es war doch immerhin furchtbar schwer und ungewöhnlich, daß sie an einen Herrn schreiben sollte. Dann überwand ihr natürlicher und gesunder Wille diese Kleinlichkeiten. Was hatte auch all das neben dem Ernst ihres Gefühls und der peinigenden Ungewißheit über des Freundes Zustand zu bedeuten! Sie setzte Punkt an Punkt und schrieb, wie es das Herz ihr eingab:
„Lieber Herr Perthes!
Sie kommen nicht mehr zu mir. Also komme ich mit einigen Zeilen zu Ihnen. Ihre Freundin ist in Sorge um Sie. Wenn Sie ihr noch böse sind, weil sie Ihnen neulich nicht raten wollte, so geben Sie ihr jetzt Gelegenheit, ihre Widerspenstigkeit gutzumachen und mit Ihnen zu reden. Mir ist, als könnte ich Ihnen ein ganz klein wenig helfen, wie es die Freundschaft soll und muß.
Marga Richthoff.”
Kaum war Marga fertig, so erschien Elli. Sie übernahm es, die Adresse zu schreiben.
Dann wirbelte sie wie der Wind davon und steckte mit dem Hochgefühl, bei einer Großtat mitgeholfen zu haben, den Brief an der nächsten Ecke in den Kasten.
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Fräulein Rosa Eschborn, Doktor Perthes' Mietswirtin, war an allerhand Logiergäste gewöhnt.