In den fünfzehn oder zwanzig Jahren, in denen sie das schmale, dreistöckige Haus auf der Altstadtseite des Flusses besaß, hatte sie es längst aufgegeben, an ihre Mieter andere als sehr allgemeine Anforderungen zu stellen. Sie mußten leidlich pünktlich bezahlen. Sie durften ihre Möbel nicht kurz und klein schlagen. Sie mußten ihre Liebschaften vor der Tür lassen. Das waren die goldenen Grundregeln des langen, dürren Fräuleins mit dem wachsgelben Gesicht unter den plattgeklebten, grauschwarzen Haarsträhnen und dem Spitzenhäubchen, mit den leidenschaftslosen Augen und der ewigen, erdbeerfarbenen Matinee, von der man sich, so sauber sie war, niemals denken konnte, daß sie neu gewesen. Was über die Grundregeln ging, mochten die Herren mit sich selber ausmachen. Sie zuckte mit keiner Miene, wenn Herr Müller bis Mittag hinter seiner Tür schnarchte; wenn Herr von Maier, ein Korpsfuchs, bisweilen aus Versehen oder in alkoholischer Benommenheit auf der Treppe schlief; wenn Herr Schmidt die Beine zum Fenster hinausbaumeln ließ, die Zigarettenstummel auf den Boden warf, Kleider und Wäsche wie Kraut und Rüben im Zimmer durcheinanderstreute. All das ertrug und ordnete sie mit ergebenem Gleichmut. Ihre stille Genugtuung, ihr sittlicher Halt war das eine, daß sie nicht so, daß sie besser war. Nicht nur als ihre Mieter, sondern als die gesamte Welt. Um dessen ihren Herrgott zu versichern, war sie von einer gewissen stereotypen Frömmigkeit, die keine Predigt und keine Betstunde versäumte.

Es mußte mit einem ihrer Mieter schon seine ganz besondere Bewandtnis haben, wenn Fräulein Eschborn sich zu wundern oder gar zu beunruhigen anfing.

Dieser Sonderfall war nun aber mit dem Herrn auf Nummer eins — so hieß die luftige Stube im dritten Stock mit der wie ein Vogelnest unters Dach geduckten Veranda — eingetreten. Er war nämlich seit drei Tagen nicht zurückgekehrt.

Am ersten Tag hatte das Fräulein gedacht, er schliefe. Es gab welche, die schliefen vom Abend bis zum Abend und die folgende Nacht durch. Solche Exemplare kamen vor. Wenn sie kein Frühstück und sonst nichts begehrten, so war das ihre Sache. Am zweiten Tag gegen Mittag klopfte die Eschborn an die Tür. Dreimal hintereinander. Als kein „Herein!” ertönte, überwand sie ihre jungfräuliche Scheu, klinkte, fand die Tür offen und steckte den Kopf mit dem Spitzenhäubchen schnüffelnd in die Stube. Da sie nichts wahrnahm, was sie aufklärte, drang sie gegen den Alkoven vor. Das Bett stand unberührt. Fräulein Eschborn schüttelte den Kopf. Am dritten Tag wiederholte sie dasselbe Manöver mit demselben Erfolg. Diesmal hielt sie ein kleines Selbstgespräch, öffnete ein Fenster und sah ziemlich verdutzt auf den Fluß hinunter. Ihr Gleichmut wankte. Sie ging den Schatz ihrer Erfahrungen durch, aber er ließ sie im Stich. Anno 1903 war einer gewesen, der auf zwei Tage zu Verwandten gereist war, ohne sie zu benachrichtigen. 1899 hatte einer, ein russischer Chemiker, vom Laboratorium weg plötzlich in die Klinik gemußt, um sich operieren zu lassen. Der hatte nach anderthalb Tagen nach Wäsche geschickt. Soweit sie die Lebensgewohnheiten ihres Mieters von Nummer eins überhaupt kannte, war er nicht der Regelmäßigste. Trotzdem — das ging über alles Dagewesene — drei Tage spurlos verschwunden! Fräulein Eschborn stellte vertiefte Betrachtungen an. Sie ging im Geist ihre Grundregeln durch. Keine war verletzt. Aber die erste vom Bezahlen schien jetzt in gewisser Gefahr. Konnte der Doktor sich französisch verabschiedet haben? Dagegen sprach, daß er sein Hab und Gut, sogar Mantel, Stock, die nötigsten Dinge, zurückgelassen hatte. Doch — mochte es sein, wie es wollte — sie entschloß sich, an Aufklärung zu denken.

Sie ging nach dem Bakteriologischen Institut, denn sie entsann sich, daß Perthes von dort einmal den Diener gesandt hatte.

Niemand, weder der Hauswart, noch der erste Assistent, noch Professor Hammann, wußte etwas von seinem Verbleib. Markwaldt hatte nur die tröstliche Auskunft: „Das verdrehte Huhn wird wieder mal seinen Laufkoller gekriegt haben!”

Fräulein Eschborn war nicht befriedigt. Sie ging auf dem Rückweg ins Café Wagner, wo ihr Mieter zu essen pflegte. Der Doktor war dort seit vier Tagen nicht gesehen worden.

Die Angelegenheit komplizierte sich.

Gegen ihre Gewohnheit konferierte das Fräulein mit Perthes' Zimmernachbar, einem Referendar am Amtsgericht. Der gab ihr auf Grund seiner juristischen Kenntnisse den Rat, auf die Polizei zu gehen. Diesen äußersten Schritt verschob die Eschborn auf den kommenden Morgen. Ihr zwar erschütterter, aber noch immer achtungswerter Gleichmut sträubte sich gegen solche Exzentrizitäten. Auch hielt sie die Polizei für die natürliche Feindin aller anständigen Menschen.

Und ihr Gleichmut behielt recht.