Am folgenden Morgen, als sie in der Küche die nötigen Liter Wasser mit einem Aufguß von Kaffeebohnen und reichlicher Zichorie versetzte, wurde die Tür aufgestoßen, und Doktor Perthes erschien in einem Aufzug, der mehr als abgerissen war, auf der Schwelle. Der Lodenhut saß wie ein Fetzen über den zerzausten Haaren, und das Gesicht starrte blaß und übernächtig aus dem wirren Bart. Die weißen Sportschuhe waren über und über mit einer Kruste von Schmutz bedeckt. Der weiße, leichte Tennisanzug hatte sich grau und braun meliert.
Fräulein Eschborn prallte erschrocken zurück. Sie wollte eben versichern, daß sie im Lokalwohltätigkeitsverein sei und keinen Pfennig gebe, als der Doktor rauh und herrisch nach Kaffee verlangte.
Sie faßte sich. Ohne eine Frage zu wagen, goß sie ihm eine Tasse ein.
Perthes trank sie in einem Zuge leer. Ebenso eine zweite. Mit einem barschen „Bin für nichts und niemand zu sprechen!” machte er kehrt und stieg die Treppe hinauf.
Fräulein Eschborn dachte einen Augenblick betroffen über die Erscheinung nach. Sie schüttelte auch noch ein letztes Mal den Kopf. Dann war sie froh, daß keine Grundregel mehr in Gefahr war, zog sich in ihre jungfräuliche Selbstgerechtigkeit zurück und legte den Fall zu den Akten ihrer Erfahrung.
Oben in seinem Zimmer warf sich Perthes, nachdem er die Schuhe in eine Ecke geschleudert, wie er war, auf sein Bett. Völlig erschöpft fiel er in einen bleischweren Schlaf.
Erst gegen Abend weckte ihn ein tiefer, langhallender Donnerschlag. Er richtete sich auf und rieb sich die Augen. Draußen schoß der Regen in langen, glitzrigen Fäden hernieder. Fahle Wolken schoben sich träge über und an den Bergen entlang. Ein Hauch feuchter Luft quoll erquickend durchs offene Fenster herein.
Langsam kehrte in Perthes die Erinnerung an die letzten Tage zurück. Er setzte die Geschehnisse, eines ums andere, in seinem Gedächtnis zusammen. Wie ein wunderseltener, tausendstrahliger Kristall, der mit jeder Stunde an Wert und Schönheit wuchs und sein Verlangen steigerte — so war die Liebe zu Hilde König, der kindlichen, poetischen Ufernixe, in seiner Phantasie groß geworden. Alles außer ihr war vergessen und versunken. Seine sich übersteigernde Lust, diesen Kristall zu besitzen, trieb ihn nah und näher an das schimmernde Gebilde. Er streckte die Hände danach aus: da war es eine buntschillernde Seifenblase, die in eitel Dunst zerplatzte und zerfuhr.
Als Perthes an jenem Vormittag, an dem er Marga seine Liebe zu Hilde König anvertraut, keinen Rat erhalten hatte und ganz auf sich selbst verwiesen worden war, hatte er einen letzten Versuch gemacht, die Leidenschaft, die ihn verzehrte, von sich abzuschütteln. Er zerpflückte seine Empfindungen und wollte sich klarmachen, daß er sich in einen Wahn hineingefühlt und hineingeredet hatte. Diese Liebe existierte so wenig, noch weniger als die Freundschaft, die eben erst so jämmerlich versagt hatte.
Er ging nicht mehr am Ufer entlang, wie er sonst Abend für Abend getan. Er wich Hilde König aus, wenn er ihr begegnete.