Um die törichte Liebelei vollends ganz aus sich zu verbannen, gab er sogar dem bisher erfolglosen Drängen Markwaldts nach und ließ sich in den akademischen Tennisklub einführen. Der freie, flotte Ton, der da herrschte — so recht modern im Gegensatz zu der mehr altmodischen Innerlichkeit und Behaglichkeit des Richthoffschen Kreises — bestrickte ihn. Im Mittelpunkt stand Alice Hupfeld. Mit ihrer biegsamen Gestalt, ihrem kecken Gamingesicht, das herausfordernd aus einem leuchtenden Gewirr rotblonder Haare sprang, behexte sie die Herren und begeisterte die jungen Damen als Ideal eines schicken Mädels. Perthes war von ihrer launenhaften Art bald belustigt, bald geärgert. Er spielte mit Fräulein Exzellenz, wie sie mit ihm und mit aller Welt spielte. Nichts zu ernst nehmen, war ihre Devise, und diese Devise schien ihm wie gemacht für seine eigene erzwungene Stimmung ...

Dann kam plötzlich der Rückschlag.

Er hatte sich eingebildet, mit dem albernen Märchen am Flußufer fertig zu sein. Um sich dies vor sich selber zu beglaubigen, hatte er eines Abends wieder den gewohnten Gang gemacht. Hilde König war nicht auf ihrem Balkon. Sie plauderte mit einem der Herren des Ruderklubs unter der Haustür. Bei näherem Zusehen erkannte Perthes den Gymnasialprofessor, der die Boote von der Uferböschung aus mit der Schalltube zu kommandieren pflegte. Aller Vernunft zum Trotz wurde er von plötzlicher toller Eifersucht gepackt. Binnen wenigen Stunden war seine Leidenschaft heller und greller als je entfacht. Daheim, zwischen seinen vier Wänden, tobte er mit erregten Schritten auf und nieder. Er wollte ein Ende machen, eine Entscheidung herbeiführen um jeden Preis. Dies Hundeleben von Zweifeln und Kämpfen durfte nicht von vorn anfangen. Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief von vielen Seiten. Seine nervösen, unverbundenen Buchstaben flogen über das Papier wie ein Schwarm aufgescheuchter Krähen. Sich selbst, seine Natur mit ihren Fehlern und Vorzügen, seine Lebensauffassung, seine Gedanken über die Frau und über die Ehe, seine Aussichten im Beruf legte er in einem gewichtigen Referat nieder, wie es ein Beamter in ernstester Sache an seinen Ressortchef schreibt. Seine Gefühle faßte er volltönend zusammen: es gab nur einen Menschen, der ihn ganz zu dem machen konnte, was er sein wollte — Hilde König. Daß er sie verehrte und liebte, mußte sie längst erraten haben; daß er ihr nicht völlig gleichgültig wäre, glaubte er jenem Blick und diesem Wort entnehmen zu dürfen. In einem kurzen Schlußsatz bat er deshalb allen Rechtens um ihre Hand. Wenn sie einverstanden war, wollte er mit ihren Eltern sprechen ...

Als Perthes diesen Brief abgeschickt hatte, war er wie erlöst.

Einen halben Tag lang kannte er sich nicht vor seliger Selbstzufriedenheit. Dann kam die Qual des Wartens von Post zu Post, des Hangens und Bangens von Morgen zu Abend und von Abend zu Morgen.

Erst nach vier Tagen brachte der Briefbote ein zierliches Briefchen von lila Farbe, das Monogramm H. K. auf dem Rücken.

Er riß es ungestüm auf.

Die Antwort auf seine vielen Seiten bestand in vier oder fünf mit Kinderhand geschriebenen Zeilen: das bezaubernde kleine Ufermädchen schrieb, es sei über seinen Antrag außerordentlich betroffen und erschrocken; es hätte nie an so etwas gedacht und könne, jung wie es sei, auch heute noch nicht ernstlich daran denken ...

Perthes war starr vor Überraschung.

Er drehte die lilafarbene Briefkarte hin und her, als müßte er die eigentliche Antwort auf seinen kapitalen Brief erst noch finden. Daß er die ganze Erwiderung auf sein mit der Gründlichkeit eines Psychologen, dem Ernst eines gewissenhaften Mannes, der fieberhaften Wärme eines Liebenden geschriebenes Schriftstück in Händen halten sollte, begriff er erst im Verlauf von Stunden. Als er nicht mehr zweifeln konnte, zerriß er das Billettchen mechanisch in hundert Schnitzel und ließ sie aus dem Fenster flattern.