Im Zustand öder Empfindungslosigkeit verbrachte er eine Woche oder mehr.

Dann, eines Mittags, als er bei Tisch im Café Wagner den städtischen Anzeiger durchblätterte, fiel ihm eine liebevoll umzackte, schöngesetzte Anzeige in die Augen: Hilde König und Professor Enderlein empfahlen sich als Verlobte.

Er las die Nachricht ein halbes dutzendmal. Bei der siebenten Lesung lachte er so laut und schallend, daß die Leute an den Nachbartischen ihn mißtrauisch anschielten, als hätten sie es mit einem Ausbruch plötzlicher Verrücktheit zu tun. Er hatte die Situation zu begreifen begonnen: der ernsthaftere und gediegenere Antrag des Gymnasialprofessors mit der Schalltube war geahnt worden, aber noch nicht eingetroffen, als der seine eintraf. Das kindliche Lilabriefchen verfolgte seine sehr klugen, dilatorischen Zwecke. Und als ...

Perthes zog es vor, das Café zu verlassen, um nicht noch einmal der Gegenstand bedauernd-ängstlicher Blicke zu werden.

Auf der Straße lachte er von neuem. Es klang dumpfer, härter, verbissener.

Er schwänzte am Nachmittag das Institut. Gegen fünf warf er sich in sein Tenniskostüm und schlenderte den Fluß entlang, nach den Spielplätzen. Noch war er nicht an der Brücke vorbei, als seine künstliche Haltung zusammenbrach. Ein Sturm von Ekel, Verachtung, Schmerz und Wut ergriff ihn. Eine Weltverzweiflung ohnegleichen, ein Haß gegen sich und gegen die Menschheit insgesamt, gegen das ganze jämmerliche Erdendasein drohte ihn zu ersticken. Statt nach den Tennisplätzen lief er bis zum nächsten Dorf in der Ebene. Dann wieder bergwärts. In irgendeinem Wirtshaus an der Straße nächtigte er. In einem lichten Moment vertauschte er sein Tennisrakett leihweise mit einem Knotenstock. Drei Tage trieb er sich besinnungslos in den Bergen umher. Durch maßlose Anstrengungen suchte er den Aufruhr in seinem Innern abzumüden. Sein überreizter Kopf spielte mehr als einmal mit Selbstmordgedanken. Aber die Lilabriefkarte fiel ihm ein, die schöngezackte Verlobungsanzeige. Das Lächerliche, Niedrig-Komische, das in dieser Lösung einer von ihm bis in den Himmel gesteigerten Liebelei lag, bewahrte ihn vor der äußersten Torheit. Der „Laufkoller”, wie Doktor Markwaldt jenen Trieb getauft hatte, mit dem Perthes einer seelischen Unmäßigkeit durch eine körperliche Herr zu werden strebte, tat seine Schuldigkeit. Bis auf den Tod erschöpft, apathisch, innerlich und äußerlich abgerissen, kam er in Fräulein Eschborns Mietshaus zurück ...

Jetzt hatte er seine böse Wanderschaft ausgeschlafen wie einen Rausch. Was nachkam, war auch die grenzenlose Ernüchterung des Rausches.

Perthes sprang vom Bett auf und trat ans Fenster.

Das Gewitter vergrollte in der Ferne, dort, wo der Fluß zwischen einsamen Pappeln sich in der Ebene verlor. Die Sonne rang sich mit dunkelgoldenem Glanz aus dem abziehenden Gewölk, glitzerte sanft auf den Wellen und leckte die Dächer trocken. Die abendliche Luft in ihrer wiedergewonnenen Reinheit wehte kräftig gegen ihn.

Mit Ungeduld entledigte er sich der beschmutzten Kleider. Als gelte es, mit dem körperlichen Menschen auch den seelischen reinzuscheuern, überschwemmte er sich und die halbe Stube mit Wasser. Erst als er sich von Kopf bis zu Fuß umgezogen hatte, gab er Ruhe und setzte sich in den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl. Mit seltener, kühler Klarheit hielt er Kritik über sich und sein Dasein in den letzten Jahren. Wenn er alles Drum und Dran an aufgeputzten Gedanken und verstiegenen Gefühlen abtat, erschien er sich wie ein großer, unreifer Junge, der mit den Gliedern seines Leibes so wenig anzufangen wußte wie mit den Fähigkeiten seines Geistes und darum beide mißbrauchte. Er war kein Mann. Mochte er sich vormachen, was er wollte: dem bißchen Leben, das da auf ihn zugekommen war, um ihn zu prüfen — dieser Verliebtheit und ihrer Enttäuschung hatte er seinen Mann nicht gestellt. Wie ein Junge — jawohl, wie ein Junge hatte er in ohnmächtiger Wut den Boden gestampft, geschrien, geheult und war ausgerissen! Nicht mehr Zorn und Verzweiflung erfaßte ihn jetzt, sondern eine tiefe Traurigkeit, eine zerknirschte Beschämung, ein hoffnungsloses Gefühl des Verlassenseins. Er wie kein anderer gehörte zu den Männern, deren Schicksal sich an den Frauen entscheidet. Sein Charakter konnte nur in der Liebe Klärung, Halt, sich selber finden. All sein Suchen von Wissenschaft zu Wissenschaft galt doch nur der Leibhaftigkeit des Lebens und nicht dem Wissen. Er konnte nicht allein sein, weil er allein nicht mit sich fertig wurde. An einen Menschen außer sich mußte er sich klammern können, um seiner eigenen Kraft teilhaftig zu werden. Er mußte weiter suchen und würde doch nur immer irren. Sein zufassendes Temperament, das stets zuerst das Ziel begehrte, ermattete vor der trostlosen Ziellosigkeit einer ewigen Irrfahrt. Die Erschlaffung des Herzens löste die des Körpers ab. So allein wie er war niemand. So zur Einsamkeit verdammt und zur Zweisamkeit geschaffen. Diese Erkenntnis hatte er gewonnen, und im gleichen Augenblick, wo sie sich ihm gab, drückte sie ihn zu Boden.