Therese erschien mit den Schüsseln. Unauffällig stellte Käthe eine Platte mit jungen Spargeln als Sondergericht vor den väterlichen Teller.
Der Geheimrat stutzte. „Kinder, ich habe wohl heute Geburtstag, was? Frische Spargel! Anfang Mai! Wie komm' ich zu solchen Leckereien?” Er sah sich fragend im Kreise um. Sein eines Auge zwinkerte unmerklich.
„Marga und ich kamen auf der Hauptstraße bei Testers vorbei,” erklärte Käthe harmlos. „Wir sahen zufällig, daß er im Schaufenster die ersten Schwetzinger Spargel ausgestellt hatte, und weil du sie so gern magst —”
„So wollten sie dir eben eine Freude machen,” schloß Elli mit wohlgemeinter, aber verlegener Hast.
„Hm! Etwas unverantwortlich, aber nett von euch.” Es war jetzt für den alten Herrn ausgemacht, daß die Bande etwas von ihm wollte. Entweder mußten sie neue Frühjahrskleider haben oder sie wollten eine Einladung annehmen oder weiß Gott was. Es galt also, auf der Hut zu sein.
Käthe und Elli sahen sich mit verzweifelten Blicken an. Sie gaben das Treffen schon so gut wie verloren. Der etwas spöttische Ton verriet ihnen, daß Vater Richthoff die Absicht, ihn durch einen Leckerbissen in seiner guten Laune zu unterstützen, durchschaut habe.
Es entstand ein längeres Schweigen. Marga, der von Natur alle Diplomatie fremd war, empfand die kritische Situation am unbehaglichsten. Nur aus schwesterlicher Solidarität hatte sie sich mit dem Plan befreundet, das Geheimnis des „Neuen”, das zu ergründen man sich nun einmal in unschuldiger Kinderei verschworen hatte, auf raffinierten Umwegen herauszulocken. Ihr schien es geraten, jetzt geradezu aufs Ziel loszugehen.
„Hast du schon viele neue Hörer fürs Sommersemester, Papa?” fragte sie unbefangen. Und ohne sich durch einen Ellbogenstoß Ellis irremachen zu lassen, fuhr sie fort: „Bitte, erzähl' uns mal, wer heute alles bei dir war.”
Käthe und Elli blieb der Bissen im Halse stecken. Diese Kühnheit war unerhört. Noch ein ungeschicktes Wort, und Papa erriet, daß sie seine Sprechstunde belauert hatten. Im vorigen Jahr, als Wilkens sich einschreiben ließ, hatte er Elli einmal auf der Treppe erwischt: es hatte eine erschreckliche Strafpredigt über Anstand und Manieren abgesetzt. Und jetzt ...! Käthe trat Marga unter dem Tisch auf den Fuß. Es war einfach haarsträubend gefährlich, was sie da mit ihrer unverbesserlichen Offenheit anrichtete.