Der Geheimrat hatte allerdings nicht die leiseste Ahnung von dem, was seine Mädels zu seinen Häupten trieben und planten. Wenn er nach dem Essen seinen Verdauungsgang im Garten gemacht hatte, wobei er mit der gewissenhaften Liebe von Jahrzehnten die Fortschritte seiner Bäume und Spaliere feststellte, die Schnecken von den Weinstöcken ablas, das allzu vordringliche Unkraut mit der Stockspitze aus den Wegen bohrte und nachbarwärts schleuderte — dann bildete die Sprechstunde den Übergang von der beschaulichen Ruhe zur eifrigen Arbeit. Wie ihm seine Besucher gefielen oder seine Laune es ihm eingab, fertigte er seine Hörer bald kurz und ohne viele Worte ab, bald verwickelte er sie in ein Gespräch und stellte — das war der Schrecken der jungen Semester, die zum erstenmal sich bei ihm anmeldeten — ein kleines historisches Examen an, sein Opfer unvermittelt an einem Rockknopf fassend und sich an seiner Verwirrung innerlich belustigend. War dann der letzte glücklich expediert und die Tür endgültig für weitere Besucher geschlossen, so schlüpfte er in den befreienden grauen Schlafrock, der schon bedenklich viele Jahre erlebt hatte, aber für unersetzlich galt, und steckte sich eine Zigarre an. Er verschwand hinter dem gewaltigen Zylinderbureau aus Nußbaumholz, das vom einen Fenster aus quer in die Stube stand und mit den mächtigen bändereichen Regalen im Rücken ein kleines Zimmer im Zimmer bildete. Eine Flut von Zetteln und Zettelchen, alle beschrieben mit seiner winzigen, mikroskopisch feinen Handschrift, breitete sich vor ihm und um ihn aus. Es war ein besonderes Kunststück, das nicht immer gleich gut gelang, den Nachmittagskaffee geräuschlos hereinzubringen und auf dem blätterbesäten Schreibtisch ein Eckchen zu erspähen, wo er hingesetzt werden konnte, ohne daß der alte Herr einen grollenden Sturm losbrechen ließ, weil man ihm alles durcheinanderwerfe und die peinliche Ordnung seiner Manuskripte, die für jeden andern einer peinlichen Unordnung zum Verwechseln ähnlich sah, gewissen- und verständnislos zerstöre. Nur Marga genoß das Vorrecht, daß ihren suchenden Fingern Nachsicht, sogar etwas Hilfe gewährt wurde. Das war aber eine Zartheit, die als geheimes und stillschweigendes Abkommen zwischen Vater und Tochter verborgen blieb.
Heute, wo Elli an der Reihe war, hatte es grimmiges Murren gegeben, so daß sie den Schwestern verstört berichtete, Papa sei grauenhaft aufgelegt und müsse wie ein schalloses Ei behandelt werden. Dabei war der alte Herr bei sich selber ganz zufrieden. Mit Bedacht und Vorliebe spielte er den Pascha, der unberechenbar seine Gnaden und Ungnaden verteilt. Nach seiner wohlgemeinten Ansicht gab es kein besseres Mittel, um die „Bande” einigermaßen in Zaum und Zucht zu halten. Nachdem ihm seine um fünfzehn Jahre jüngere Frau gestorben, ehe Elli und Marga auch nur aus den Kinderschuhen waren, hatte er eine Erzieherin ins Haus genommen. Eine Zeitlang war es auch mit einer Hausdame versucht worden. Aber aus alledem waren so viel Unbequemlichkeiten und Mißhelligkeiten entstanden, die seine ihm notwendige Gelehrtenruhe störten, daß er, als die beiden jüngsten leidlich herangewachsen waren, das Hauswesen mit seinen drei Töchtern allein zu führen unternahm. Etliche Kollegen, unterschiedliche Tanten und Basen hatten erklecklich dazu den Kopf geschüttelt. Eine Musterwirtschaft war's ja auch nicht gerade geworden. Aber er war zufrieden, wie es war; er und die drei Mädchen fühlten sich glücklich in dem alten wohnlichen Haus am Wenzelsberg.
An den Tagen, an denen nicht eine Kolleg- oder Seminarstunde ihn abrief, saß Geheimrat Richthoff vom Nachmittag bis zum Abend in seiner Schreibtischecke. Im qualmenden Nebel der Zigarren, die er eine an der andern ansteckte, verschwand für ihn die Außenwelt. An ihre Stelle traten die geistigen Gestalten seiner römischen Kaiser, mit denen er leibhaftig und wie mit seinesgleichen umging. Aus der Unzahl kleiner Züge, die er mit unermüdlichem Fleiß Tausenden von Inschriften, spärlichen, unverläßlichen Geschichtschreibern, all den zwar unermeßlichen, aber noch so unverarbeiteten Quellen abzwang, formte er mit feiner, geistreicher Kunst seine Kaisergeschichte. Die Studien eines ganzen Lebens trug er, an der Schwelle des Alters, in einem darstellenden Werke großen Stils zusammen. Mit eiserner Energie hatte er von Jahr zu Jahr den Wunsch, das Erforschte und Gesammelte zum Kunstwerk umzuschaffen, niedergehalten. Jetzt endlich, seit Jahresfrist, hatte er sich der Haft der Kleinarbeit entlassen. Mit dem Ungestüm eines Jungen begann er zu gestalten. In der Seligkeit, das kritisch Erklügelte endlich künstlerisch erleben zu dürfen, erfüllte sich ihm der Traum seines Daseins. Alle Freuden und Leiden des Schaffenden erlebte er in der drangvoll-fürchterlichen Enge seines Schreibtisches. Verzweiflung und Resignation wechselten mit feurigem Entzücken. Er haderte mit seinen Kaisern; er knirschte, brummte, schalt vernehmlich und drohte, wenn sie sich spröde zeigten und ihre glatten, scharfen Cäsarenköpfe in den Schleier der Undurchdringlichkeit hüllten. Das waren die Tage, wo die Arbeit um zwei, drei Zeilen vorrückte, von denen die eine wieder gestrichen werden mußte. Dann wurde er unzugänglich, griesgrämig, unwirsch und konnte mit seinem Unmut das ganze Haus durcheinanderwerfen. Ein andermal war alles eine Herrlichkeit: die Kaiser hielten ihm stand; sie traten hervor wie aus Marmor gemeißelt, klar, formgebietend, lebenheischend; dann verklärte ein heimliches Lächeln sein Gesicht, heimlich, denn es saß tief drinnen zwischen dem weißen dichten Vollbart und schoß höchstens einmal wie ein neckender Blitz unter den scharfen Brillengläsern hervor. Flüssig und leicht und selbstverständlich sprangen die Worte, die Sätze aus der Feder, und Blatt um Blatt bedeckte sich mit der minutiösen, schwer leserlichen Schrift. An solchen Tagen war Vater Richthoff umgänglich, zu einem Scherz bereit, innerlich von einer kindlichen Heiterkeit. Da hielt der barsche Pascha nicht vor. Er drückte ein Auge zu, ließ sich Wünsche und Bitten vortragen, gab Lob und Zustimmung, kurz: Papa hatte seinen guten Tag und die Bande mit ihm.
Einen guten Tag hatte der alte Herr auch heute hinter sich, als er sich endlich entschloß, die Feder wegzulegen und den Rest der soundsovielten Zigarre dem Aschenbecher zu opfern. Er rieb sich befriedigt die Hände und schob die kleine schwarze Samtkappe, die — ein würdiges Seitenstück des betagten Schlafrocks — den dünnbehaarten, massigen Schädel schützte, über die Stirn zurück. Dann stand er auf und öffnete ein Fenster. Vom Vorgarten, der Haus und Straße gleich einer erhöhten Terrasse trennte, atmeten die in voller Blüte stehenden zwei Kastanienbäume ihren milden, süßen Duft. Die untergehende Sonne warf rote Lichtbündel auf den Kiesplatz und sprenkelte die Gartenmöbel, die um den steinernen Tisch standen. Dort saß Marga, die Hände im Schoß, den Kopf mit dem schlichten, aschblonden Knoten weit gegen den Baumstamm zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Vom Kamin eines Hauses gegenüber schmetterte eine Amsel ihre Triller in die auffallend weiche, stille Luft des Maiabends. Marga schien angespannt zu lauschen. Ein Ausdruck, von Wonne und Weh seltsam gemischt, lag auf dem zarten Gesicht, das im Dämmerschatten des Baumes blasser aussah, als es war.
Der Geheimrat sah ihr einen Augenblick ruhig zu, ehe er sich entschloß, ihre Träumerei zu unterbrechen. Bei ihr, die sein Sorgenkind war, bekämpfte er mit einer Strenge, die ihm nicht leicht wurde, den für ihre zwanzig Jahre und ihre Blindheit begreiflichen Hang, sich in einer schwärmenden Gemütsstimmung einseitig zu verlieren. Gerade sie, der das Schicksal ein kärgeres Los zugemessen als den andern, wollte er davor behüten, ihre Kraft in einem überschwenglichen Gefühlsleben zu verzehren. Er vergaß darüber, daß die Unendlichkeit ihrer Träume sie auch wieder mit der verdunkelten Endlichkeit und Beschränkung ihres Daseins versöhnte.
„Na, Marga, du scheinst nicht so hungrig zu sein wie ich,” klang es jetzt mit neckendem Vorwurf zu ihr hinunter.
Ein leises Zittern lief über Margas Körper. Sie schrak zusammen, als kehrte sie plötzlich aus weiter, luftiger Ferne zurück, und die Augen irrten in die Höhe.
„Wir haben mit dem Abendbrot nur auf dich gewartet. Es ist alles fertig,” gab sie in leichter Verwirrung zurück; sie stand auf und eilte mit geübter Sicherheit der Glastür zu, die vom Erdgeschoß in den Vorgarten führte.
„Langsam, langsam!” mahnte der Geheimrat, während er sich vom Fenster zurückzog. Fast tat es ihm leid, sie aus ihrem verlorenen Sinnen geweckt zu haben. Er warf noch einen halb schmeichelnden, halb wehmütigen Abschiedsblick auf das Wirrsal seiner Manuskriptblätter, ehe er sein Zimmer verließ und die Treppe hinunterstieg.
Im Eßzimmer war alles seines Erscheinens gewärtig. Die Mädels kamen ihm entgegen und führten ihn wie im Ehrengeleit zu seinem bequemen Sessel. Käthe goß ihm den Tee ein. Marga strich seine gerösteten Butterschnitten. Elli schob ihm noch ein Kissen in den Rücken. Er ließ sich gern ein bißchen verwöhnen. Doch die Behendigkeit, mit der er heute bedient wurde, erschien ihm fast verdächtig.