„Vom Vorbeigehen — natürlich.” Das Stift lag einige hundert Schritte von der Sägemühle entfernt auf halber Bergeshöhe; ein schloßartiges Gebäude aus dem achtzehnten Jahrhundert mit einer hochgetürmten Kapelle, mitten in altem Park, das Flußtal beherrschend. Exzellenz Hupfeld hatte sich diesen prächtigen Sitz, ein früheres adliges Fräuleinstift, als Sommerresidenz gekauft. „Es muß sich dort nicht schlecht hausen lassen. Das denke ich mir,” setzte Perthes hinzu, um das Gespräch nicht unhöflich stocken zu lassen.

„Gott, Papa hat nu mal die schnurrige Vorliebe für olle Kamellen! Ich mach' mir nicht viel draus. Das Romantische ist nicht mein Fall. Aber Sie, Doktor — Sie sehen so'n bißchen nach Räuberromantik aus. Die Kapelle ist ganz niedlich. Und im Saal hängen über wurmstichigen Möbeln, die wertvoll sein sollen, greulich öde Ahnenbilder. Wenn Sie Lust haben, kommen Sie 'n bißchen mit rauf! Ich bin bis Abend mutterseelenallein. Schloßbesichtigung gratis!” Sie zwinkerte halb listig, halb spöttisch mit ihren Augen, die ihre Farbe wechseln zu können schienen, indem sie bald grünlich, bald golden aufschimmerten oder ihr undurchdringliches Graubraun bewahrten.

„Sehr liebenswürdig! Aber zu meinem Bedauern — heute geht's nicht. Wirklich nicht! Ich muß nachher noch arbeiten!” Perthes war nicht für Ausrede und Verstellung gemacht. Man sah ihm an, daß er flunkerte. Er errötete sogar ein wenig. Ihr sagen, wohin er wollte, konnte er nicht. In ihrer Gegenwart von Marga oder auch nur von etwas zu reden, das mit ihr im Zusammenhang stand, widerstrebte ihm. Er wäre ihrer Einladung auch nicht gefolgt, wenn er gekonnt hätte. Alice Hupfelds freie und saloppe Art, die immer der Gipfel des Modernen sein sollte, entsprach seinem Geschmack heute weniger denn je. Vielleicht daß sie ihn auch verwirrte. Ihre spottsüchtige Koketterie zwang ihn zu einer ständigen Kriegsbereitschaft, die ihm heute besonders beschwerlich wurde.

Sie dachte nicht daran, ihn zu entlassen. Je deutlicher seine Ungeduld wurde, um so weniger. Dieses schwarzbärtige Mannkind, das sie in Perthes sah, reizte sie, je spröder er sich gab, nur um so stärker. Seine Gewandtheit, sein Temperament und seine Kraft, die sie vom Sportplatz kannte, imponierten ihr. Sein Aussehen, das dunkelgebräunte Gesicht mit den ungebärdig über die Stirn fallenden, buschigen Haaren, den großen, oft unvermittelt aufglühenden Augen, hatte für sie etwas Exotisches, das sie anzog, während seine innere Unberührtheit und Ungelenkigkeit, die mit der äußeren Geschicklichkeit kontrastierte, sie lächerte und zu spöttischer Überlegenheit herausforderte.

„Ich glaube, Sie sind ein wenig prüde, Doktor Perthes,” sagte sie nach einer Weile wie in Gedanken vor sich hin.

„Ich? Wieso? Wie meinen Sie das?” fragte Perthes zerstreut.

„Ich denke mir's eben. Vielleicht steckt hinter Ihnen ein ganz ehrsamer, biederer Philister — wie?” Ihre Augen begegneten mit voller Angriffslust den seinen, und ihr Mund verzog sich, als unterdrücke sie ein boshaftes Lachen.

„Schon möglich!” gab Perthes achselzuckend zurück. Seine Unbehaglichkeit wuchs mit jeder Umdrehung des mühsam zurückgehaltenen Rades. Welche Tücke hatte ihm gerade jetzt dieses verteufelte Mädel zuführen müssen, das sichtlich sein Vergnügen daran fand, eine Stimmung auszunutzen, die ihn wehrlos machte?

„Mit wem verkehren Sie denn hier in der Hauptsache?” forschte sie unvermittelt weiter. Es war eine Liebhaberei von ihr, Fragen scheinbar zusammenhangslos aneinanderzureihen, die sie dann plötzlich zu einer unvermuteten Schlinge zusammenzog.

„Ich habe sehr wenig Verkehr, Fräulein Hupfeld. Vorzugsweise bin ich in Gesellschaft meiner Bazillen,” scherzte er grimmig.