„Da scheint die Assistenz bei Ihrem Herrn Vater mit gewissen Nebendiensten verbunden zu sein!” entfuhr es Perthes wütend. Sein Unmut darüber, daß er aufgehalten und absichtlich mißhandelt wurde, riß ihn zu dieser groben, patzigen Unhöflichkeit fort.
Er hatte sich Alice gegenüber nur eine Blöße gegeben. Sie warf den schleierumbauschten Kopf in den Nacken zurück. Eine Strähne ihres rötlichen, ungebärdigen Haares schlüpfte unter der Mütze hervor. Ihre Lippen spitzten sich und bebten leise, während die kecken, spitzbübisch-kecken Augen ihn wie zuerst von Fuß zu Kopf musterten und sich dann ohne Scheu in die seinen hefteten.
„Ich wollte sagen —” verbesserte sich Perthes mit einer Unbeholfenheit, die nichts verbesserte.
„Nicht nötig!” schnitt sie ihm das Wort ab. „Ich werde mich für Ihre Grobheiten schon schadlos halten, Doktor!” Sie gab ihm die Hand, als wäre nichts geschehen. Und er wagte diesmal nicht, diese schmale, schmiegsame Hand ohne einen flüchtigen Handkuß zu lassen.
Ihre Augen zuckten triumphierend. Sie nickte ihm zu, als wollte sie sagen: Ich fange schon an, mich schadlos zu halten! Und ohne ihn weiter zu beachten, stieg sie, das Rad neben sich herschiebend, zum Stift hinauf. —
Perthes schwang sich wieder auf den Sitz. Er fuhr in schnellem Tempo der Mühle zu, deren Dach unweit zwischen den hohen Gartenbäumen durchschimmerte. Seine Uhr zeigte vier. Es war also noch immer reichlich viel früher, als er sich angemeldet hatte. Aber er hätte ohne dieses Zusammentreffen auf offener Straße eine halbe Stunde eher da sein können. Warum hatte sich dieses tolle Mädel wie ein fratzenschneidender Kobold in seine ernste, zielsichere Stimmung gedrängt? Er wütete innerlich gegen sie und ihre forschen Allüren, ihre spottlüsterne, herausfordernde Überlegenheit. Diese ganze gelenkige Mischung von Harmlosigkeit und Bosheit war ihm verhaßt. Ohne Zweifel! Und um ihr pfiffiges Schelmengesicht zu vertreiben, rief er sich Marga ins Gedächtnis. Es hielt schwerer, als er gedacht. Fräulein Exzellenz war hartnäckig, auch noch in seiner Vorstellung.
Perthes war froh, als er die Sägemühle erreichte, die heute wie verschlafen hinter ihrem sonnenlosen Garten lag. Ein Pfauenschrei vom Geflügelhof war der einzige Laut, der ihn bei der Einfahrt empfing.
Er sprang ab und schob sein Rad in den Gitterstand, der für diesen Zweck links vom Tor angebracht war. Er war trotz des Schattens heiß geworden und trocknete sich die Stirn. Ein Blick in den Garten überzeugte ihn, daß da die Gesuchten nicht zu finden waren. Er trat ins Haus und fragte die Wirtsfrau, die neben dem Büfett döste, nach den jungen Damen. Sie glaubte, die beiden Fräuleins hätten einen Ausflug gemacht. Ja, natürlich; jetzt, während sie sich die Augen rieb, fiel es ihr „für gewiß” ein: sie waren schon am Vormittag weg und wollten erst zum Abend zurückkommen.
Damit hatte Perthes auch nicht einen Augenblick gerechnet.
Wahrhaftig! Als er sich im öden, plakatreichen Gastzimmer umblickte, wo nur die Fuhrleute oder die Bauern aus der Umgebung ihr Glas Bier oder ihren Schnaps zu trinken pflegten, sah er seinen eiligen Kartenbrief friedvoll am Spiegel stecken. Marga hatte ihn also nicht einmal mehr erhalten. Trotz des grünen Radlers! Heute, ausgemacht heute mußten die beiden eine Tour machen! Wo das Wetter nicht einmal danach war! Ganz verzweifelt knickte er auf einer der rohgezimmerten Bänke zusammen. Wohin die Damen gegangen wären, forschte er kleinlaut. Das wußte die gute Wirtsfrau auch nicht. Vielleicht hatten sie's ihrem Mann gesagt, aber der war in der Stadt. Also ihnen entgegenfahren konnte Perthes auch nicht. Es blieb gar nichts anderes übrig: wenn er nicht unverrichteter Dinge heimkehren wollte, mußte er bis gegen Abend warten. Eine Geduldsprobe, die zweite schon an diesem Nachmittag, die wie Rauhreif auf sein Ungestüm fiel ...