Er bestellte sich Kaffee. Trostlos ging er in den Garten und setzte sich an den Tisch im Haselgebüsch, wo sein erster mißlungener Besuch auf der Mühle angefangen hatte.

Kein Spaziergänger ließ sich heute ringsum blicken.

Es gab so Tage, erklärte die Wirtin, als sie ihm selber den Kaffee brachte, da blieben sie wie auf Verabredung alle weg. Dabei war es doch nicht einmal übles Wetter. Im Gegenteil. Sehr angenehm zum Gehen. An Regentagen kamen sie manchmal in hellen Haufen. Es war sogar möglich, daß heute, mit dem Lokalzug um fünf Uhr, noch so viele kämen, daß man nicht Hände genug hatte, sie zu bedienen.

So philosophierte die junge, jetzt munter gewordene Frau, und Perthes hörte gottergeben zu.

Oder er hörte vielmehr nicht zu, sondern sah unglücklich zwischen den Büschen durch, in den Garten. Wie trübselig der aussah mit seinen leeren, buntgedeckten Tischen! Wie jämmerlich der dumme Springbrunnen in der Mitte, den er noch nie beachtet, in sein dürftiges Bassin plätscherte! Und draußen kroch der Fluß in grauer Greisenhaftigkeit; drüben, am anderen Ufer, schwammen Feld und Wald langweilig ineinander.

Das war ja, um selber trübselig zu werden! Und das sollte womöglich stundenlang dauern? Wie gemacht für ihn, um sich zu vergrübeln!

Stand er vielleicht im Begriff, eine Dummheit zu machen? Die Dummheit seines Lebens, die alle früheren übertraf? Oder — wie? — wenn Marga ihn nicht anhörte? Wenn, ja wenn — das war das Tollste, darauf war er noch gar nicht gekommen, und das war so unmöglich gar nicht! — wenn er sich nur eingebildet hatte, daß sie ihn liebe? Wenn sie überrascht war von dem, was er ihr sagen wollte? Und ihn abwies? Aber das war ja verrückt!

Gepeinigt stand er auf und ging mit langen Schritten in dem leeren Garten zwischen den Tischen auf und ab, um den blödsinnig plätschernden Springbrunnen herum und noch einmal herum. Gewiß, das war unsinnig! Und doch plagte ihn diese jüngste Ausgeburt seiner Phantasie mit allen Teufeleien, deren sie fähig war. Wie ein dummer Junge stand er jetzt da und starrte kleinmütig über den Lattenzaun des Gartens weg in den Fluß. Warum sollte sie auch die Sache nur in Erwägung ziehen? Was konnte er ihr überhaupt bieten? Wie sollte er sich verständlich machen und die Geschichte anfassen? Am Ende hatte es gar keinen Zweck ... Im Nu war Max Perthes aus dem Gleise geworfen, wenn sich etwas nicht so gerade und einfach anließ, wie er es vor sich sah. Es blieb dabei: er konnte immer noch erst springen, aber nicht gehen ...

Der Lokalzug brachte diesmal nicht den von der kundigen Wirtin als möglich prophezeiten Andrang. Der Garten blieb leer. Zwei, drei Einspänner, alte Herren mit Perücken, mit Mänteln mitten im Sommer und Stöcken mit Elfenbeinkrücken, tranken, weil sie nun einmal täglich kamen, ihre Tasse Kaffee und lasen ihre Zeitung. Das war alles.

Und doch hellte sich der Himmel gegen Abend auf. Die Sonne drängte sich, etwas blaß und schüchtern freilich, durch die weißgrauen Wolken. Und den Fluß herunter kam ein Boot mit rotbemützten Studenten gezogen, deren Gesang halb wehmütig, halb heiter übers Wasser klang. Sie sangen von der Saale im Tale und den Burgen auf den Bergen. Erinnerungen an seine eigene Studentenzeit am fröhlichen Rhein erwachten in Perthes. Sie und der verhallende Gesang und das zage Sonnenlicht erzeugten eine ruhigere Stimmung in ihm. Die zerfahrenen, unmännlichen Zweifel wichen allmählich einer tapferen, fast heiteren Zuversicht. Das Unmögliche und Unerreichbare einer Liebe, die es nirgends, für ihn jedenfalls nirgends, gab, lag hinter ihm mit der Unreife und Halbheit, der rastlosen Jagd von Extrem zu Extrem; das Wirkliche und Faßbare war vor ihm. Das wollte er als Mann ergreifen und festhalten. So konnte er Marga entgegentreten, mit ihr sprechen.