Drüben, am anderen Ufer, stieß jetzt das Fährboot ab.
Perthes sah zu, wie es erst gegen die Strömung arbeitete und sich dann in der Mitte des Flusses von den Wellen aufnehmen ließ. Der breite Rücken des Schiffers hatte ihm die Insassen verdeckt. Jetzt erkannte er sie und richtete sich auf. Er ging aus dem Garten und stieg die Böschung hinunter, nach dem Steg ...
„Du, ich glaube — wahrhaftig! — Doktor Perthes erwartet uns drüben!” konstatierte Elli mit halblauter Überraschung.
Marga, die die Hand ins Wasser getaucht hatte, um die frische, ziehende Kühle zu spüren, hob sie langsam heraus. Sie war selbst verwundert, wie langsam. Und war auch verwundert, wie wenig verwundert sie war. All die letzten Tage war sie so tieftraurig, so in sich zerrissen, so bitter-wortkarg gewesen. Elli hatte sich gar nicht mehr mit ihr zu helfen gewußt und schließlich, aus reiner Verzweiflung, einen Tagesausflug vorgeschlagen — trotz des mäßigen Wetters. Weit über die Berge waren sie durch die einsamen Wälder nach einer Schloßruine über dem Flußtal gewandert. Marga blieb bis über Mittag so trüb und verschlossen, als sie nur je gewesen. Erst am Nachmittag kam plötzlich, ihr selbst unerwartet und unverständlich, eine Fröhlichkeit über sie, wie lange nicht. Grundlos, gegenstandslos — eine von jenen unbegreiflichen Offenbarungen des Gefühls, die sinnlos erscheinen und doch mit geheimnisvoller Ahnung mitten im Unglück eine glücklichere Zukunft vorauszukünden scheinen. Und diese frohe Aufwallung, die Elli jubelnd begrüßte und miterlebte, hielt vor. Auf dem Hinweg hatte Elli vergebens versucht, der Schwester die Herrlichkeit der alten Buchen, der aus der Ferne ins Walddüster lachenden Kornfelder, des in der Tiefe zwischen Felsen aufschäumenden Flusses nahezubringen; auf dem Heimweg war es Marga, die beschrieb. Eins von den Bildern, die ihr inneres Gesicht sah: es war ihr, als schritten sie unter goldwolkigem Sommerhimmel talab über einen unabsehbaren Hang von blauen Glockenblumen, die im Winde wunderbar läuteten, mit zarten, dünnen, verheißungsvollen Stimmchen. Und wie sie an den Fluß kamen und übersetzten, hörte sie noch immer auf das seltsame, lockende, feine Klingen im Winde. Wie natürlich war es, daß er da drüben stand am Ufer, jenseit des Blumenhanges und des Wassers, das ihn silbern besäumte! Sein gemessen-ernster Gruß, der jetzt ihr Ohr traf, erschreckte sie nicht. Sie lächelte, als müßte es so sein. Die eine Hand gab sie Elli; die andere ergriff er und half ihr aussteigen, während Elli dem Fährmann seinen Groschen gab.
„Sie sind ja gar nicht ein bißchen erstaunt und ungehalten, mich hier zu treffen!” meinte Perthes.
Marga erwiderte nichts. Wie sie von ihm sich die Böschung hinaufführen ließ, klangen ihr die Glockenblumen von drüben nach; ihre zarten, dünnen Stimmen wuchsen, und ihr Geläute schwoll so mächtig, daß es sie betäubte.
Erst als sie im Garten standen, verstummte das Getön, und sie ließ seinen Arm los.
„Sie müssen nicht denken, ich hätte Ihr Verbot, zur Mühle zu kommen, leichtsinnig vergessen, Fräulein Marga!” begann Perthes wieder. „Der Brief, mit dem ich mich anmeldete und um eine Unterredung bat, steckt in der Wirtsstube drinnen seit Stunden am Spiegel. Es hängt auch jetzt noch ganz von Ihnen ab, ob Sie mich einen Augenblick hören wollen!” Er sah Marga forschend an. „Unter vier Augen,” setzte er hinzu und sah hinter sich.
Aber Elli war verschwunden. Wie von der Erde verschluckt. Sie versicherte später, sie habe stets einen „feinen Merks” für gewisse Situationen gehabt. Einen sehr feinen sogar ...
Marga antwortete nicht auf Perthes' Frage. Ihr war zumute, als spänne das Bild ihrer Phantasie sich selbsttätig weiter; als sei all das Traum und nicht Wirklichkeit. Sie ließ sich von ihm an den Tisch im Haselgesträuch leiten und setzte sich zu ihm, wie er es wollte.