„Vor ein paar Wochen,” hob Perthes, durch ihr Schweigen befangen, an, „hatte ich daran gedacht, von hier für immer fortzugehen. Wissen Sie: damals, als ich die törichte Geschichte mit Hilde König ausgeschwärmt hatte. Und als Sie, Fräulein Marga, mich vorigen Dienstag auf Wochen hinaus fortschickten, dachte ich wieder, es würde wohl das Beste sein. Ich hatte Lust, wie ich Ihnen schon früher einmal erzählte, die Bakteriologie wieder an den Nagel zu hängen und zur Chirurgie zurückzukehren. Erinnern Sie sich noch, Fräulein Marga?”

Sie nickte mechanisch mit dem Kopf. Sie verstand nur halb, was er sagte.

„Nun erhielt ich heute ein unerwartetes Anerbieten, hier bei Geheimrat Hupfeld als Assistent einzutreten,” fuhr er mutiger fort. „Ehe ich mich entscheide, möchte ich hören, was Sie darüber denken.”

„Aber davon versteh' ich ja gar nichts!” erwiderte Marga leise. Sie nahm zerstreut ihren weißen englischen Strohhut ab und legte ihn neben sich auf den Stuhl. Verträumt strich sie das Haar über ihrer Schläfe zurecht.

„Zu verstehen brauchen Sie da weiter nichts, Fräulein Marga. Sie sollen mir nur sagen, ob Sie wünschen, daß — daß ich — nun, daß ich eben hierbleibe. Das hängt nämlich von Ihnen ab. Nur von Ihnen,” wiederholte er gepreßt.

„Von — mir?” stammelte Marga. Sie hatte bisher die Augen blicklos ins Weite gerichtet. Jetzt suchten sie ihn mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Besorgnis und Verwirrung, als könnten sie ergründen, wohin er mit diesem vieldeutigen Wort zielte. Ob er scherzte; ob er sie quälen wollte, mit ihr spielen, oder ob ...

„Ich rede in vollem Ernst, Fräulein Marga!” beteuerte Perthes, der ihren Blick richtig deutete. „Ich habe mich die letzten Tage, während ich fernblieb, gründlich vorgenommen. Ich wäre nicht wieder zu Ihnen gekommen, wahrhaftig nicht, wenn ich mir nicht ein Recht dafür hätte zusprechen können. Ich nehme die Stellung nur an, wenn Sie, Fräulein Marga, mir erlauben, wie bisher zu Ihnen zu kommen. Auch auf die Sägemühle. Und ich muß sogar noch weitergehende Bedingungen machen: wenn Sie versuchen, mehr für mich zu sein als eine Freundin! Wenn Sie —” Die Erregung nahm ihm die Stimme, und er faßte nach ihren Händen, die vor ihm auf dem Tisch lagen. „Wenn Sie —”

Marga zog sie mit einem leisen Aufschrei zurück. Sie warf sich gegen die Lehne ihres Stuhles. Bei seiner Berührung war sie plötzlich aus ihrer traumhaften Betäubung erwacht. Eine jähe Röte schoß in ihre Wangen und wechselte augenblicklich mit tiefer Blässe.

„Nein, nein, nein!” stieß sie entsetzt hervor. Sie krampfte ihre Hände vor der Brust ineinander. Das sollte Wirklichkeit sein? Das durfte ja nicht Wirklichkeit sein. Niemals! „Nein! Nein! Nein!” wiederholte sie noch einmal mit äußerster Anstrengung und hob die Hände gegen ihn, als wollte sie so das Unmögliche und Unerlaubte von sich wegzwingen. Ihre Augen hatten einen beinahe irren Ausdruck angenommen. Sie wollte aufspringen. Sie wollte fortlaufen, ihm entfliehen — aber ihre Kraft versagte. Die Arme fielen ihr erschöpft nieder, und die Augen schlossen sich, wie von einem übermenschlichen Schmerz zugedrückt.

Perthes war gleichfalls erblaßt. Schweigend starrte er sie an. „Sie wollen also nicht,” sagte er dann tonlos und bitter.