Darauf begann er zu zweifeln an dem Wert seines eigenen. Das noch übrige Geld konnte ihnen irgendein Dasein begründen, wenn er fort war. Blieb er, ward es von dem uneingeschränkten Haushalt nutzlos verbraucht. Er konnte eine weite Reise vorgeben. Aber auf den Ausflügen, mit denen er jetzt die Tage verbrachte, sah er doch einst in ein Gewässer hinab, durchdrungen, er sei bestimmt, noch gründlicher zu verschwinden.
Ein Dampfer legte an. Er stieg ein und war unter Menschen, die des schönen Tages wegen über den See fuhren. Hatten sie etwa keine Sorgen? Wohl auch sie. Aber selbst die schlimmsten waren bedingt und fielen weg, entzogst du ihnen den Boden. Dort sieht eine Frau her, ganz so, als bemerkte sie, daß du noch stattlich bist, scharfe elegante Züge und den besten Schneider hast. Sie selbst war hübsch, sehr gepflegt, und schien erfahren: eine Anziehung, unter diesen Umständen. Er folgte der unbefangenen Aufforderung ihres Blickes. Alles ging taktvoll und schnell vonstatten. Sie kehrten in einem verschwiegenen Landhotel ein. Färber machte die Entdeckung, daß es andere Ansichten vom Leben gab als die ihm gewohnten. Es war eine Wiederentdeckung; er fühlte sich auf einmal befreit von einem ungeahnten Gewicht und befähigt, alles hinter sich zu lassen. Er telegraphierte, daß er verreist sei, unbestimmt, wie lange.
Erst nach mehreren Tagen veranlaßte seine neue Gefährtin ihn zu größeren Ausgaben — stand aber sofort davon ab, als sie bemerkte, seine Mittel stockten. Eben an dieser Feststellung schien es ihr gelegen zu haben. Sie bewog ihn, sich auszusprechen, und sie selbst ward deutlicher. Er hatte sie halb geahnt, wie sie ihn; jetzt fanden sie einen gedämpfteren Ton, ließen von dem korrekten Idealbild, das sie einander vorgehalten hatten, einiges nach; — und Färber erfuhr, in dem Maß wie er selbst seine Lage preisgab, das Wesen der ihren. Sie lebte von Gelegenheiten auf Reisen, als anerkannte Begleiterin reicher Leute, wenn es sein konnte, sonst aber dennoch auf ihre Kosten. Als sie bis zu dem Geständnis eines Diebstahles ging, vollzog er ungewollt eine jähe innere Rückkehr in sein voriges Leben. So war alles verknüpft, hatte so werden sollen, und hierher führte es. Er sah in sich den natürlichen Gefährten der Hochstaplerin. Sie sah ihn dafür an, nie war es ihr eingefallen, ihn zu schädigen, sie wollte ihn haben und mit sich führen, sie liebte ihn. In einer Wolke von Leidenschaft, war es ihre oder seine, besprachen sie die Flucht.
Was er noch besaß, sollte zurückbleiben für seine ehemalige Familie. Er hatte sich nur das Notwendigste beschafft und ging auf den Bahnhof, sie wartete schon: Da sprach einer ihn an, den er zuletzt vor seiner Entlassung gesehen hatte. „Denken Sie noch an unsere Sache?“ Nein, eben an diese hatte Färber nie wieder gedacht. Auch gab sich der andere so unschlüssig noch wie damals, das Geschäft war wieder von der Wurzel ab zu erwägen. Als aber Färber, gehoben und angespannt wie der Augenblick ihn traf, nur eben angriff, war auch schon die Wirkung da. Er sah es vor Augen: Dies war zu machen. Nur festhalten, und alle Kraft unerbittlich in diese Viertelstunde! Nach ihrem Verlauf hatte er den andern vor einem Tisch mit Berechnungen, und nach zwei Stunden beim Notar. Indes jener den Vertrag unterschrieb, entsann Färber sich, den Blick entspannt, des abgegangenen Zuges, der Frau, die ihn suchte, und einer schon aufgegebenen Vergangenheit, in die er nun wieder Zutritt hatte, ehrbar und erfolgreich. Er erkannte, daß die letzte Zeit, mit der Hochstaplerin, seine Nervenkraft erneuert und ihn zu diesem hier ausgerüstet hatte. Er mußte ihr dankbar sein. Etwas fehlte ihm, hätte er sie versäumt. Aber gut war es, daß er, in einem letzten Gefühl von Zweifel, seinen richtigen Namen für sich behalten hatte. Fahr hin, dachte er, und ging heim.
Dort schlug ihm eine schwere Stille entgegen — und dann ein Aufschrei. Seine Frau lag in den Wehen. Der Arzt, neben dem Bett, ließ ihn herankommen, schien es ihm, wie einen Eindringling. Er wich sogar noch ein Stück zurück vor ihm und sagte erst dann, was hier zu sagen war. Färber neigte sich und nahm die Hand seiner Frau. Ihre Lippen zitterten, aber es sprach nur ihr Blick. „Du allein, wenn es noch möglich wäre, würdest mich retten“, sagte der Blick. „Du warst meine Kraft, mein Leben und mein Glück.“ Stumm antwortete er ihr, sie dürfe vertrauen; und durch Hand und Auge schickte er, ohne nachzulassen, seinen Willen in sie hinüber, indes sie verging oder sich bäumte, indes sie irr redete und wie sie Abschied nahm, während sie das Kind hervorbrachte, und noch als sie starb.
Da er nun sah, sein Wille hatte umsonst gekämpft, griff er plötzlich um sich, als wiche der Boden. In Kopf und Herz ein wildes Drunter und Drüber: „Das ist mein Werk, sie büßt für mich. Verraten von mir, ihrem einzigen Glauben, so sterben! Fast war ich schon Verbrecher — mein Gott!“ Entsetzen, zusammenschlagend über ihm. Gerade sah er noch, daß der Arzt einen Schritt tat, um ihn aufzufangen, — da riß er sich zusammen. „Nein. Genug an dem. Mann bleiben, was immer geschehen ist.“ Wohl wahr, er hatte gedacht, es führte dahin, daß er auf und davon gehen solle mit einer Abenteurerin. Jetzt aber war es so gekommen, daß er hier helfen, retten und seine Pflicht tun sollte. Dies hatte nun die volle Macht des Schicksals, — und an wie wenig war es doch gehangen. Der Zufall regiert uns. Willst du leben, bereue ihn nicht, verantworte ihn! An dir, ihn zu wenden, bis er gut ist. Aus deinem rechtschaffenen Dasein, du weißt nicht wie, wird das Schlimmste. Und gerade dein äußerster Fehltritt macht dich fähig zum neuen Aufschwung.
Hiernach nahm er einen sanfteren Abschied von der Toten. Er versprach ihr zu handeln, als sei sie noch da. Jetzt konnte er weinen, linde Schmerzen des Selbstbedauerns. Sie war dahin, die letzte, die ihn noch jung gesehen hatte, die einzige, die ihn bei seinem Vornamen nannte. Das kam nicht wieder. Sie allein war ihm wahrhaft ergeben gewesen, war sein Geschöpf, weit mehr als die Kinder. Für die Kinder, wuchsen sie heran, war er ein alter Mann, ein Mensch mit Schwächen, die auszunützen, und einem Willen, der vielleicht zu bekämpfen war. Der Kritik seiner Kinder gewachsen bleiben, dies war künftig die Aufgabe. Sich halten. Seine Versprechungen halten.
Damit er nie wieder in die Gefahr komme, die Seinen im Stich zu lassen, schränkte er zuerst seine Lebenshaltung ein. Klein und umsichtig, mit einer inneren Bescheidenheit, die ihm längst nicht mehr bekannt war, ging er in eine Unternehmung hinein, verlor, und ward doch nur entschlossener und in seinem Gewissen fester. Er zwang den Erfolg dorthin, wo es kein Ausweichen mehr gab; — und vergingen auch die Jahre, eines Tages war er bezwungen. Gleichwohl durfte man ihm niemals ganz trauen. Des Erfolges war niemand sicher; sicher, so sagte er seinen Töchtern, müssen wir unser selbst und einander sein.
Er lag vor dem Einschlafen, ein Mann von fünfzig, und dachte an die beiden Kinder, an ihre Namen etwa, Rosa, den der Älteren, und den letzten armen Schönheitstraum der verstorbenen Mutter, den Namen der kleinen Liliane. Er dachte, Laut für Laut, ihre Namen durch und fand darin vorherbestimmt, was sie sein sollten, das besonnte, schön sich entfaltende Dasein der einen, und dann dies schwache, weiße Kind einer Sterbenden, süß und schmerzlich, wie Blumenduft von einem Grabhügel. Er besann ihre Haltung heute, als er eintrat, ihre klugen oder zärtlichen Worte, — und die letzte, angstvolle Vorstellung seines Wachens war es oft, er wäre damals am Scheideweg falsch gegangen, und sie hätten ihn nicht, die beiden, die nur ihn hatten. Waren sie denn jetzt gesichert? Noch immer nicht, falls er an einem Morgen nicht aufwachte. Doch schien es nicht vorgesehen, daß er ihnen verloren gehe. Er hatte nie gefühlt, daß ein Gott ihn ansehe; — vielleicht aber sah er auf einen Vater?
Man rechnet, sorgt, und schließt mit Genugtuung ein Jahr ab, das doch dahin ist; aber es hat die Aussteuer der Älteren abgerundet. Das dir entgleitet, ihr gibt dein Jahr noch Kraft. So fort, wir sind gewöhnt des sicheren Weges. Jedes Vertrauen, das unschuldigste der Kinder, diesmal haben wir es gerechtfertigt. Auf Zwischenfälle war man lange Zeit wohl gefaßt; nachgerade aber hat man so gut wie vergessen, wie sie aussehen könnten.