Färber war in seinem Geschäftszweig führend geworden und seine Tätigkeit ausgebreitet; er bemerkte erst allmählich, wie dies und jenes ihm aus der Hand fiel. Oder ward es genommen? Ein Mitbewerber, von einiger Großzügigkeit gleich anfangs, trat vollends hervor. Ja, immer dieser, und nie anders als gegen mich. War das noch Zufall? Färber kam dahinter, daß seine Kundenlisten durch Verrat an jenen Lanz gelangt waren, — und der nutzte sie aus, als seien sie das, worauf er sein Dasein gründe. Es kam dahin, daß Färber sich fragte, bin ich verfolgungswahnsinnig, oder —. Das Oder, vom Schrecken starr, flüsterte in ihm: Werde ich alt? Und eines Tages, er hatte ein eigenes Unterlassen erkannt, das vor ihm der Gegner erkannt hatte, sank er an seinem Tisch hin, und den Kopf tief auf der Brust erblickte er es zum erstenmal, daß er in Wahrheit alt sei und darum ausersehen von einem jungen Feind, nur Feind weil jung, — aufgespürt von ihm, angeschossen wohl schon, und gehetzt, von nun an immer gehetzt, bis in den Ruin, bis in den Tod.

Eine kurze Spanne hielt sein Atem an, ihm war es, auch sein Herz; und kalt in der Stirn, nahm er ganz still hin, was kam. Er sah in diesen Sekunden das Bild des Feindes, schwarz und bleich, gewandt, gut angezogen, wie es lächelnd vorüberging, — und von drüben nahte Rosa, achtzehnjährig, sanft, gütig und unwissend. Eine Jugend so im Recht wie die andere; aber die eine schlechter beschützt. Waltendes Erdengesetz.

Dann ermannte er sich wohl und gedachte des Kämpfenmüssens. Aber zum erstenmal war er, wo es einen Schlag galt, seiner nicht sicher. Was ihn unsicher machte, war dies. In jener Erscheinung, vorhin am stillen Tisch, hatte nicht nur der Feind gelächelt, auch Rosa. Sie kannten sich, er wußte nicht, ob im Leben, aber ihrer beider Jugend kannte sich — über ihn hinweg, trotz aller Unschuld seiner Tochter. Er sah fort, als dieser Lanz auf der Straße grüßen wollte, und er sagte zu Rosa: „Das ist ein unvornehmer Kaufmann.“ — Sie erwiderte: „Ach! Wir hatten Tanzstunden zusammen.“ Das war es, was ihn zum Besiegten machte von vornherein! Der, der ihn zur Strecke bringen wollte, mit seinem Kind war er in die Tanzstunde gegangen. Im Gesicht Jugendreinheit, und war doch ein bedenkenloser Mächler. Lebte lustig, ließ Geld springen, genoß sozusagen schon Geltung in einem Alter, wo unsereiner nichts hatte als einen Arbeitskittel — und machte nebenbei süße Augen für die Tochter seines Feindes. Denn Feindschaft wog ihm so leicht wie das übrige. Er war hassenswert, vom Vorteil zu schweigen, durch sein Wesen selbst. Er war aus dem neuen leichten Geschlecht der Erben: Erben auch ohne Geld. Rasch und unsolid kamen die daher, schufen nichts, nutzten nur aus; — aber ihr Kampf, der ein leichtfertiges Spiel war, brachte sie dennoch an die Stelle derer, die gearbeitet hatten, ohne rechts oder links zu sehen . . . Denn der bald Sechzigjährige vergaß vieles beim Anblick des Fünfundzwanzigjährigen.

Was tun? Wenn Rosa den Gruß dennoch erwiderte — heimlich, und wohl mit etwas Selbstüberwindung, aber sie erwiderte ihn, was tun? Sollte der Vater ihr dann eingestehen, wie es stand und daß das Seine und Ihre täglich dahinschwand zu dem da? Ihr eingestehen, daß er schwach war? O doppelte Ohnmacht, nicht aufhalten können das Verderben, und auch nicht sprechen dürfen! Vielleicht war sein Kind schon nicht mehr würdig, daß er sprach; wußte alles und hielt es mit dem Feind. Umsonst würde er es bei ihr aufgenommen haben mit dem Jungen. Er fing an, mißtrauisch Rosa nachzusehen, wenn sie ging, und ihrem Gesicht nicht zu glauben. Ward es davon etwa traurig? Mochte denn auch sie fühlen, wie es tat, verlassen zu werden! Kaum verbarg er ihr noch, wie viel näher ihm seine Jüngste war, Liliane, das leise Kind der Sterbenden. Als sie starb, war sie seine, des Alten, wahre Gefährtin gewesen, und sein wahres Kind war Liliane. Die eine behüten, die ihm noch blieb!

Er sorgte sich um ihr Leben, — und ihre Zukunft sicher zu stellen, war alles was er noch verlangte und unternahm, bevor es denn mit ihm zum Äußersten kam. Kein Zweifel mehr, daß es dahin kam. Noch einmal und in einem Alter, wo es kein Wiederaufstehen gab, sollte er zu Fall kommen. Die Schläge, die ihn trafen, wurden heftiger, wurden unentrinnbar. Keine Gewandtheit und Spannkraft mehr, auf die er pochen durfte. Nur noch stillhalten und vor dem Entsetzen die Augen schließen.

So stand er eines Tages in dem halb dunkeln Vorraum seines Eßzimmers, hatte die Augen geschlossen und nach einem Tisch gegriffen. Das Geschirr darauf klapperte, sie hörten es wohl drinnen. Dennoch verging eine Weile, bis jemand die Tür öffnete. Rosa war es. Er hatte sie nicht erwartet, sein Arm zuckte, als sie ihn nahm. „Du weißt wohl nicht, daß wir schon essen?“ sagte sie, und führte ihn hinein. Obwohl sie munter sein wollte, verbarg sie ihren Blick. Schämte sie sich für ihn? Für sich? Für dies Leben, das nun das ihre war? Plötzlich erinnerte er sich, als sei es gestern gewesen, seines Eintretens in das Eßzimmer, als Rosa klein war und ihre Mutter noch mit am Tisch saß. Er kam durch die große Tür, schnell und freudig, mit einer Miene voll guter Gaben, und sie streckten vertrauend die Hände hin, baten lächelnd und lachten dankbar. „Wohin habe ich es kommen lassen!“ dachte er, tief erschrocken. „In so kurzer Zeit!“ Er strich der kleinen Liliane über die Haare, und zu Rosa sagte er vertraulich und leichthin: „Du darfst dich nicht wundern. Im Leben eines Mannes, der viel arbeitet, kommen matte Zeiten vor. Ihr werdet mich wieder anders sehen.“

Er fühlte: Ah! Nein! — und als er nachher allein war, immer wieder: Ah! Nein! So sollte dies nicht verlaufen. Die neue Jugend dachte sich die Dinge denn doch zu glatt, ihre Opfer zu widerstandslos. „Ihr kennt mich nicht, ihr sollt mich kennenlernen!“ Auf einmal sah er alles unerwartet leicht und klar: denn die Hoffnung war aufgewacht, er könnte sein Kind wieder für sich gewinnen.

Er fand: So war es zu machen. Ein Plan wie dieser rechnete mit allen Eigenschaften des Gegners. Keine Falle, in die er, wie er war, nicht tappen mußte. Färber, am stillen Tisch, lächelte in sich hinein. Er empfand sich als den klugen alten Kriegselephanten, der den Rüssel aufstellt, bevor er die Dschungel betritt. Der junge Tiger pürscht sich heran. Aussehen, als merke man nichts. Springt er? Er springt; — und der Rüssel fällt und zerbricht ihm den Schädel. „Auch wir Alten haben unsere Stärke. Es ist nicht der Ansturm mehr und nicht mehr der leichte Griff. Aber es ist die erfahrene Einsicht und die List.“

Das Geschäft, das ein Schicksal sein sollte, ward langsam angelegt, mit Geduld und Weitblick — scheinbar in großer Furcht vor Mitwissern, aber für Spalten war gesorgt, an denen der Feind horchen und sich aufregen konnte. Was war er denn? Ein Nachtreter, immer auf der Suche nach einträglichen Plagiaten, immer bereit, mit Methoden, die ohne Selbstachtung waren, der ehrlichen Leistung eines andern seinen schnellfertigen Pofel unterzuschieben. Darum nur zögern, zurückschrecken, schwerfällig tun: den Horcher reizen, bis er dich überrennt und als Halsbrecher in eine Sache hineingeht, die deiner größten Vorsicht wert war. Jetzt noch Ertapptsein heucheln, greisenhafte Wut und kopfloses Nachdrängen, — bis er im Radwerk hängt und nie mehr entrinnt.

Wie verhält sich hier so einer? Er denkt sich ablösen zu lassen von dem andern, er hält ihn für dumm, ihn, der ihn restlos ausgerechnet und Schritt für Schritt gelenkt hat. Diese Art hält alle für dumm; daher ihr früher Sieg wie ihr vorzeitiges Ende . . . Er ist fällig nun, sogleich muß er da sein. Färber sah aus dem Fenster: Da kam er. Munter und seiner Sache getrost führte er sich ein und legte los. Reden lassen! Die Stichworte geben, vermittelst kleiner harmloser Fragen, die in dem andern ein Loch aufrissen, eine Lücke in seiner törichten Selbstsicherheit; — und jetzt, seine Samtaugen verrieten es, tat er den ersten Blick in die ganze Tiefe seiner Trostlosigkeit.