Leni, beschwörend dazwischen:
„Es ist alles nicht wahr!“
„Du bist seine Hure!“
Sie schluchzte, ein letztes Mal. Plötzlich hart: „Dann ist es wahr . . . Jetzt laß mich!“
Sie ging; aber er blieb an ihrer Seite und beschimpfte sie weiter. Sie antwortete.
„Betrüger du! Betrügst die Leute um ihr Leben. Ich soll wohl werden wie Malli?“
Da schlug er nach ihr, aber schlug in die Luft. Dort lief sie, nur noch ein Schatten in der Nacht. Er rief ihr nach: „Du hast mich immer nur belogen,“ — machte kehrt und redete doch weiter, als sei sie noch da.
Aber sie war fort. Fort das Rascheln hinter ihm, wenn er vertieft saß. Vorüber die Begegnungen, er auf dem Weg zu einer Stunde, sie zu einer Kundin, und zwei Straßen weit gingen sie zusammen. Kaum ihren Rücken fing er jetzt auf, schon war sie dahin um die Ecke. Dahin, tödliche Verräterin! Dahin, süße Schwester! — und er saß in dem Zimmer, das sie verschmäht hatte und an dem er abzahlte, saß und wollte nichts wissen, als was in diesen verachteten Büchern stand.
Er verachtete die Bücher, welchen Ersatz konnten sie ihm noch bringen statt der Verlorenen, welche Rache ihn lehren für ihr Geschick! . . . Damit nicht alles umsonst sei, sorgte er besser für seine zwei jungen Brüder, gab Unterhalt und Lehrgeld, wenn sie nur hinausgelangten, dieser in einer Buchhandlung, der andere als Monteur. Sie sollten ihm nicht sagen, wie Leni, er betrüge sie um ihr Leben. Da allen sein Werk zu lang währte, — diese beiden mochten kleine hartherzige Bürger werden und Pfennige fuchsen. Er sah, nichts anderes ersehnten die Genossen, alle, wie sie waren, für nichts anderes lebten sie. Die Gerechtigkeit? Das Glück aller? Ein gefüllter Bauch war ihnen lieber. Nicht einmal, wahrhaft zu hassen, seid ihr stark genug! Gehaßt hätten sie den Heßling? Und er braucht nur das Wort Gewinnbeteiligung hinzuschreiben, da glauben sie so gern ihm, wie vorher mir. Erfahre, armer Mensch, daß du zwecklos kämpfest! Sie brauchen dich nicht, viel lieber wollen sie betrogen sein. Was immer du tust, mach ab mit dir und deinem Haß. Du hast nur ihn.
Das Gewissen sagte ihm, er verleumde sie; ruchlos und verstiegen sei die Forderung, sie sollten, nur um seinetwillen, alles hinwerfen, streiken, hungern. Er selbst hatte es ihnen widerraten, und wartete dennoch darauf. War die Schuld bei seiner Beschäftigung? den Büchern, die nicht vom Brot, immer nur von Ideen wußten und ihn langsam abtrennten von seiner Klasse — ihn in seinem bürgerlichen Zimmer, seinem schwarzen Rock, ihn mit seinem Denken, das keinen Ausgleich mehr hatte durch die körperliche Arbeit . . . Kein Arbeiter mehr! — und er fing an, ihnen auszuweichen. Heimkehrend aus der Stadt von seinem Broterwerb, drückte er sich in den Garten, in das Haus, und hörte nicht, riefen sie ihm nach. Er sah den Heßling um das Haus Klinkorum her gewisse verdächtige Wege gehn, aber ihn verlangte es nicht, ihn abzufangen. Er eilte vorüber an Buck, den er nicht achtete, an den Genossen, die ihn im Stich ließen, und vermied trotzig die Begegnung mit dem jungen Hans, so oft auch das Bürschlein ihm nachlief oder an seine Tür klopfte. Einmal verlegte es sich darauf, durch die Tür zu sprechen; Balrich hörte: „Leni“; da vertrieb er es, mit einem Unflat geschriener Worte. Nachher dachte er: „Schade. Es war ein gutes Bürschlein.“ Aber die Leidenschaft seines Menschenhasses war stärker. Er erinnerte sich wohl des jungen Blonden in dem Irrenhaus, der ihm gesagt hatte: „Lieben Sie denn?“ Er wollte es nicht; und er glaubte sich stärker so.