Ja; — aber Dunkelheit, alles feucht, und der Geruch nach Unrat, den Dinkl heimbrachte, als sei es die Essenz von Gausenfeld, seines Elends, langfristigen Elends. Balrich, der droben Horaz las, hörte unter sich die Dinklschen Kinder einander quälen und Schmutzereien treiben. Zuweilen kam Gellert, man wußte nicht wann, denn er machte Schicht nach Belieben; betrank sich und gab Schnaps auch den Kindern. Dann, regelmäßig, vergaß er sich noch weiter. Balrich hörte von oben, wie sie kreischten, vor ihm hinausflüchteten, und das Einjährige, das sie fallen ließen, schrie dann, bis Malli kam . . . Balrich schämte sich, er ging dem alten Lumpen aus dem Weg, um nicht sprechen zu müssen. Nur seiner Schwester sagte er, sie solle achtgeben; was für Augen mache schon die elfjährige Liesel! Da weinte sie bitter und senkte ihren grauen Kopf. Sie wußte noch mehr als er; was aber soll werden, quartiert der Gellert uns aus.

„Dann verdiene ich es euch, für eine bessere Wohnung,“ erwiderte er, und sogleich ging er hinauf zu Klinkorum: die angebotenen Nachhilfestunden, jetzt sei er bereit, sie zu übernehmen. Er hatte bisher nur so viele gehabt, daß sein Unterhalt bezahlt war, jetzt belegte er damit den ganzen Tag, Klinkorum verschaffte sie ihm mühelos; — und Balrich saß wieder die Nächte bei der Lampe.

Er tat es für Leni. Die Dinklschen Kinder waren das Ärgste nicht. Unerträglich war es, hier Leni zu sehen, wie sie daherkam, schnell, leicht, in ihrem Mantel, der einen Pelz imitierte, ihrem Modehut, auf den Stöckeln, die Schenkel abgezeichnet unter dem raschelnden Rock, — und schon im Garten bekam sie eine widerwillige Miene die Stufen hinunter zu der Tür, die aussah wie ein wackliger Kleiderschrank, schritt sie vorsichtig, um in keinen Kot zu treten; mit Selbstüberwindung nahm ihre weiß behandschuhte Hand den Griff . . . Der Bruder ging mit ihr aus, er führte sie zum Essen. So wenige Augenblicke wie möglich sollte sie in der Höhle der Armen sein. Eines Abends dann, als sie das Zimmer im Erdgeschoß betrat, fand sie es neu möbliert, in Weiß, mit rosa Vorhängen am Bett und über dem Toilettenspiegel. Eine Minute staunte sie; dann wandte sie sich um, in der Tür stand der Bruder; und er sah, sie hatte mit ihm Mitleid. Da wußte er, nichts half mehr, und seine größte Furcht, eben jetzt, da er auch dies noch gegen sie versucht hatte, traf sie ein.

Seine Schwester umarmte ihn, als dankte sie. Aber er wußte, sie erbat Verzeihung und nahm Abschied. Er wollte nicht heucheln. „Geh nicht fort!“ sagte er rauh und so flehentlich. Ihre Augen waren voll Tränen, ihre Goldaugen; sie stammelte:

„Wenn ich könnte. Der Weg ist so weit. Am Abend die Arbeit dauert oft lange.“ — Im Schluchzen küßte sie ihn: damit er dies hinnehme, nicht frage.

Drunten an einem geöffneten Kellerfenster saß er und horchte, ob bei ihr es still würde. Der alte Gellert schimpfte, weil es ihn fror im Bett . . . Und als es still war droben, begann er schon auf ihr Erwachen zu horchen. Noch längst nicht Tag, — war dies ein anderes Geräusch als das vom Wind, Ästeknacken oder dem Rieseln in den Wänden? Doch! Die Tür geht. Im Garten springt ein Kiesel. Auf, ihr nach! Hasten, fliegen wollen und das Gefühl haben, du steckest im Boden, nie mehr erreichest du die, die fortgeht.

Das Gitter fällt, sie hört den Verfolger, sie läuft . . . Ein Sprung, er hält sie. Auf der Landstraße, kalt und noch vor Morgengrauen, standen die Geschwister und suchten ihre Gesichter, das Leiden und den Haß darin, um die sie wußten, die sie nicht sahen. Der Bruder griff nach der Schachtel in ihrer Hand, sie zerrten. Er, im zerren:

„Du grade, für die ich es tue — alles tue. Sie verleugnen mich, sie gehn mit Heßling. Du aber mit dem Sohn.“

„Nein!“ schrie sie entsetzt.

„Ich weiß, wohin du gehst in der Stadt. Du bist schon nicht mehr im Geschäft, keine Arbeiterin mehr, du bist —“