Balrich, in der Jacke und barhäuptig, drang vor gegen den Sturm. „Die bekommen mich nicht,“ sagte er laut. „Ich, anzünden und in das Zuchthaus für die? Sie möchten mich ganz fortschaffen, das ist es. Ich störe sie in ihrer Zufriedenheit; da schicken sie mir den Pinsel Herbesdörfer.“ Er lachte auf. „Das glaube ich euch, auch euer Genosse Heßling würde mich gern fortschaffen, ich komme ihm noch auf seine heimlichen Gänge.“

Da stieß er an jemand. Der alte Dinkl war es. Zerfranzter Umhang flatternd im Sturm und am erfrorenen Finger das Blechgefäß, schlich er sich in die Kantine, betteln. Sein Hut flog fort bei dem Anprall, Balrich sprang und brachte ihn, — ein kleiner alter Hut, so schlecht wie die weggeworfenen in den Gräben, aber schwer, sonderbar schwer: Balrich begriff, von dem vielen Staub, der dem alten Dinkl an den Kopf geweht war auf den weiten Straßen und sich vermischt hatte mit dem Wasser, hervorgetreten aus seinem Kopf. Der Greis sagte demütig:

„Viel Ehre, Herr;“ — und Balrich erinnerte sich, als er ein Junge war, hatte dieser ihn einst geschlagen. Da sagte er: „Ich habe Geld für Sie von Ihrem Sohn,“ und gab ihm, was er bei sich trug. Weiter irrend dachte er: „Sie sind zu elend, was will ich von ihnen. Wir sind viel zu elend, wer darf fordern oder rechten.“

Er sah, er war wie alle. Nicht seine Sendung hatte ihn anders gemacht, die Prüfungen nicht, noch der Kampf des Geistes. Geklammert bleibst du an die Not des Lebens, Armer. Dir ist versagt der Aufschwung, dich zu opfern, Armer. Bevor du dich empörst, müssen vor dir und hinter dir die Gewehre starren und die Wahl muß heißen: sterben oder sterben. Sonst lebst du weiter von jedem Brot. Sie werfen es dir hin, du darfst nicht fragen, wer und woher. „Wozu wirft der Buck mir das Brot hin, bezahlt den Klinkorum und den Gellert? Einen Versuch macht er, ein Kunststück. Denkt sich, was heißt Kampf oder Recht oder Sieg; aber es ärgert manchen, und ein Arbeiter soll Jurist werden. Dann werden wir sehen, was noch übrig ist von seinem Ideal.“

Er schrie in den Sturm vor Qual.

„Das Ideal im Hause Gellert! In sauberen Pfützen schwimmt es. Vor gar nichts muß es den grausen, der es herausfischt.“

Von den Schneefeldern sauste ihm eisige Nässe entgegen. Dahinten im Arbeiterwald entschwand eine Gestalt, — kaum streifte er ihren Umriß. Er ging, verloren in seinen Zusammenbruch.

„Zwei Jahre bald, da fand ich hier die arme Thilde. Sie hatte viel Kummer; ich machte sie glücklich. Das war etwas. Seitdem, was hab’ ich vollbracht?“

Er besann seinen Kampf und wie er nun stehe. „Gut,“ sagte er grimmig, „wenn man genug hat am Träumen. Die Wirklichkeit aber? Der feste Boden zum Kämpfen? Ein altes Stückchen Papier in meiner Brusttasche ist alles; das soll zum Schwert werden und die Welt niederringen, zum Evangelium und sie umwälzen.“ Alle die Mächte, aufgetürmt zwischen ihm und dem Feind, sie erschienen ihm erst jetzt leibhaftig. Dort hindurch! — und du bist nichts, als der verstobene Funke eines Gedankens.

Er stand, hielt sich den Kopf und stöhnte. „Was war es mit mir? So hatten sie recht, daß sie mich dorthin schickten, wo der junge Blonde so mitleidig war, mir meinen Wahn zu erlauben? Namenloser Wahn!“