Er rang um den Glauben, der ihn verließ. Er erblickte ihn unter den Zügen Lenis, und sie wandte sich ab. „Geh nicht fort!“ rief er wieder, die Arme hingereckt. Aber auch dieses Mal ging sie.

Am Waldrand die kahlen Äste kreischten im Sturm; erst drinnen ward es stiller: kalte Moderluft; den Schritten widerstand die zähe Masse verfaulten Laubes. Dort unten der See, dünn beeist, und im Wind auf seiner Decke kreisend Blätter und schwarze Zweiglein — kreisend und dann verschwindend in den Löchern. Da streifte in solcher Wüste sein Blick einen menschlichen Umriß, Thilde; — er hatte sie nicht erkannt vorhin und doch schon gewußt um sie. Die Bank war schwarz von Nässe, an dem Pfad beim See. Sie hatte, zusammengekrümmt, ihr schwarzes Tuch bis über das Haar gerafft. Auf der grauen Fläche des Eises erschien ihm ihr graues Profil. Bleichen Himmel um sich, standen Bäume darin wie Trauergäste.

Er wollte rufen und tat es nicht, sah sie Schultern und Knie noch tiefer beugen, und wollte es nicht glauben. Jetzt sank sie zu Boden — bog die Arme und ließ das Tuch entgleiten, schaudernd, als würfe sie mehr ab. Der Wind trug es ins Wasser; und sie, auf die Brust gelegt, rutschte hin, wie aus Durst, oder als glaubte sie, dort sei ein Bett.

Er lief; er meinte auch, daß er schreie und nur der Wind mache, daß sie nichts hörte. Hinab warf er sich den Abhang, fiel in eine Grube voll braunen Schnees, arbeitete sich hervor, stürzte dahin . . . Ihr Gesicht und auch schon die Brust waren im Wasser gelegen. Eissplitter hatten ihr die Wange zerschnitten. Er brachte sie zu sich, zog unter der Jacke seine Wollweste aus, trocknete und bedeckte sie, führte sie zurück auf die Bank. Ihr breitknochiges, hohles Gesicht blickte unbeteiligt, noch nicht zurückgekehrt von dort. Er nahm ihre harte, kalte Hand. Er starrte dorthin, wie sie; so saßen sie lange, stumm. Leise sich nähernd legte er über sie den Arm und flüsterte rauh:

„Tu mir es nicht an!“

„Dir?“ sagte sie, aufstehend. Aber er mußte sie stützen. Kaum auf ebener Straße, machte sie sich los von ihm. Er sah an ihr hin und sah sie verändert, die Brust gesunken, den Leib hoch zugespitzt.

„Darum?“ fragte er.

„Darum,“ sagte sie gradeaus in die Luft. „Es sollte nicht hungern. Es sollte nicht schlechter daran sein als das andere, im Friedhof.“

„Hungerst du denn, Thilde?“

„Du wolltest es nicht wissen,“ sagte sie hart, — und er senkte die Stirn, er trat fort von ihrer Seite. Ich bin ihr ausgewichen. Ich wollte es nicht wissen, daß auch sie entlassen war um meinetwillen und Not litt mit dem Kind, das von mir ist. Ich handle wie mein ärgster Feind, ein Bourgeois handelt nicht schlechter. Was wird aus mir!