Bei der Taufe ihres Kindes trug Thilde schon ein zweites. Balrich sagte: „Wir sind Proletarier,“ — und als einziger verstand er das Wort. Da es ein Sonntag war, ging er und zog aus dem fichtenen Tisch seine lateinischen Bücher, die wenigen, die dem Brande Klinkorums entgangen waren. Er sah sie an, die Brust ein wenig beklommen, aber entschlossen, sie wegzutun und zu vergessen. Wem sie Kraft genug gaben, den Heßling zu besiegen, der mochte sie lesen. Du hast es doch versucht, durfte Balrich sich sagen. Hättest du sie gelesen wie Klinkorum, du lasest sie fruchtlos und zu Unrecht. Das Wissen, das nicht hilft, ist eitel und schlecht. Der Geist, der nicht handelt, ist strafbarer als die Tötung keimenden Lebens. Wer denkt, soll auf das Glück der Menschen denken.

Er hatte sich ergeben, — aber einmal schrieb Leni. Gleich der Duft des noch geschlossenen Umschlages rührte alles auf in dem Bruder. Was ist aus ihr geworden? Du bist schuldig, du hast sie verlassen. Für sie mußtest du weiterkämpfen . . . Aber ihr ging es gut, sogar glänzend, behauptete sie. Ihr Verkehr in Berlin waren Baroninnen, und sie ging zum Theater. Er dachte zurück. Kampf ist Kampf, dem Elend entrinnst du auch so nicht, ohne Blut zu lassen. Ich hätte ihr ein leichteres Leben zugedacht . . . Der Glanz aber, schrieb sie, freue sie nicht mehr, gedenke sie ihres lieben Karl. Die Worte warfen ihn nieder, mit der ganzen Wucht eines verfehlten Lebens. Fremd hier bei Frau und Kind, und alles verloren! Da weinte er, bis sie ihn fanden.

Weggesteckt den Brief, — aber als er ihn später noch einmal las, begegneten ihm Wendungen, die er nicht recht erfaßte. Dahinter stand wohl eine unbekannte Welt, wie damals im Theater hinter den schwierigen Reden der Schauspieler. Villa Höhe nannte sie „Provinz“, und sein höchster Traum für sie war einst doch Villa Höhe. Wie nannte sie heute wohl ihn selbst? „Schließlich hat jeder sein Leben. Sie hat ihres, und dies ist nun meins.“ Er schrieb ihr plump, sie solle sich nur Geld sparen, das lustige Leben werde auch nicht immer dauern.

Darauf antwortete sie nicht mehr; und er, wenn er dachte, jetzt seien es drei, jetzt sechs Wochen, dachte hinzu, es müsse sein. Sie dort oben wird immer höher steigen, du hier unten sinkst täglich weiter zurück. Was ihr noch wißt voneinander, soll immer weniger werden. Fünfzig Jahre könnt ihr fortleben, — Zeit genug, um zu vergessen, wie es war, als du sie, die um die ganze Welt getanzt hatte, auf deinen Armen einst trugst durch den Staub der Landstraße. Sieh, du weinst schon nicht mehr.

Aber träge floß das Leben. Des Kampfes, der doch beendet und verloren ist, vergißt du nicht und rufst ihn zurück in Sommer und Frieden. Er ist noch da, eine geheime Unruhe erfüllt die Luft. Was fern liegt, rückt herbei und läßt dich auffahren, als wollte dir einer an Weib und Kind. Rußland! das ist der Feind. Frankreich! England! das ist er. Wer fragt noch nach Heßling. An Heßling konnten wir nicht hinan, — mit ihm denn gegen die, die uns überfallen! Dort winkt der Sieg. Krieg muß sein, damit endlich wir Armen das Glück erraffen, das kein Kampf des Lebens uns bringen wollte. Heßling zahlt bis 80 Prozent unserer Löhne an die Familien der Einberufenen. Was Proletarier, was Bourgeois, — das Vaterland! Dem Generaldirektor lag es schon längst im Sinn, beizeiten hat er seine neuen Maschinen aufgestellt. Jetzt machen sie Munition.

Einberufen unter den ersten! Balrich, Dinkl, alle sahen den hohen Tag der Erfüllung, als wir ausrückten. Durch beflaggte Straßen, Feldküchen säumten sie, eine Mutter trug uns Blumen nach oder Würste, in der kleinen roten Faust unserer Schwester hing unser Köfferchen, und sie weinte in ihre Schürze, indes wir sangen. Wir sangen und hatten auf dem Helm einen Kranz. Wo unsere Regimentsmusik um die Ecke bog, flogen die Straßen entlang alle Fenster auf. Die Autos hielten und ließen uns vorbeimarschieren. Auch am Bahnhof hängen Fahnen und Kränze. Werden wir noch einmal die sehen, die uns suchen? Wo ist Thilde?

Einsteigen, es kostet nichts. Das Bürschlein ist da, es hat helle, aufgerissene Augen, hat sich freiwillig gemeldet, es wird nachkommen. „Paris dürft ihr nehmen, bevor ich dabei bin, aber London noch nicht! Bitte, noch nicht!“ Dinkl macht Witze und faßt schon die zweite Tasse Fleischsuppe umsonst von einer Dame. Noch kommt Thilde nicht. Welch ein Gedränge! Wer einander nicht am Arm hat, findet sich nie wieder. Die Züge entlang Haufen Gepäck, für Beförderung keine Garantie. Geschrei aus den Zügen: „Sie, Herr Leutnant, nun sorgen Sie doch bitte dafür, daß wir abfahren, wir wollen die Kerls verdreschen.“ Die Bande gelöst, Tränen und Lachen in einem, Prahlerei und Herzweh, Pfiffe gellen, ein Zug fährt ab, jemand liegt unter den Rädern, — keine Garantie; und auch die Unordnung wirkt begeisternd und selbst das Elend. Wo bleibt Thilde? Auf einem Sack sitzt, den Rücken rund wie ein Pilz, eine Greisin, sauber und arm, und ringt die Hände: „Ich hab’ ihn nicht mehr gesehn.“ Balrich weiß, wen: Herbesdörfer. Dahin ist er, keinen Spitzel wird er mehr vor die Gewehre werfen . . . Balrich reicht die Hand seiner Schwester Malli, nun los! Aber Thilde? Das Kind und Thilde?

Da, von der Stufe des Wagens her, erblickte er Thilde, seine Frau, und sie ihn. Er ward bleich, schon wie der Tod, so sah sie ihn. In ihrem braunen Tuch, mit ihrem hohlen grauen Gesicht, auf dem Arm das Kind und neben dem blonden Haar des Kindes das ihre verstaubt, eine alternde Arbeiterin, so sah er sie. Er winkte; keine halbe Minute mehr! Mit ihrem gewölbten Leib hastete sie beschwerlich hindurch. Er winkte, auf einmal fühlte er: keine halbe Minute mehr, und so vieles drängt. Ich habe sie nicht genug geliebt, nicht genug die Armut geliebt, unser einfaches Menschentum, das ebenso gut wie schlimm ist, — wollten wir nur nicht hart sein, nicht schonungslos begehrlich, alle, die von oben und daher auch die von unten, die Schlechten unter uns und auch wir Besseren. Er fühlte: „Keine halbe Minute mehr, und versäumt ist, so sehr ich auch kämpfte, das wahre Leben, das nur Vernunft und Güte ist. Wir planten Kampf, suchten Kampf, lebten Kampf, schon längst bevor wir in diesen Kampf ziehn. Auf Feindschaft waren wir gestellt, und finden nun Feinde. Ich hatte teil an meiner Zeit und büße für sie. Dies ist das Ende.“

Nun trafen sich ihre Hände. Die Räder, langsam und unwiderruflich, machten die erste Drehung. Ein Kuß dem Kind, und ineinandergeschlossen die beiden harten Hände, diese Sekunde noch und noch diese. Er sagte, dringend vorgebeugt:

„Alles wird besser, wenn ich wiederkomme.“