Da brüllte der Generaldirektor auf. „Kann ich denn? Sie soll ich laufen lassen, mit dem was Sie wissen, mit Ihrem Brief, mit Ihren Plänen gegen mich? Lieber gleich ins Zuchthaus . . . Bleiben Sie hier und kuschen Sie, dann wollen wir sehen.“
„Lieber ins Zuchthaus,“ sagte auch Balrich. Jetzt nahm der Generaldirektor die Zuflucht zu seinem Schwager. „Ich verspreche dir —“ sagte er dringlich. „Berede ihn! Er soll hierbleiben — nahe bei mir — in Gausenfeld — wie immer. Im Arbeiterhaus dort, im Haus B, als Arbeiter. Er soll wieder arbeiten in der Fabrik, unter meinen Augen. Sonst bin ich keine Stunde mehr meines Lebens sicher. Berede ihn!“
Und Buck, der gesonnen hatte, machte sich auf. Watschelnd ging er auf Balrich zu, nahm ihn beim Arm, und im Bogen einherwandelnd mit ihm, sprach er. Heßling inzwischen saß auf einem Trümmerhaufen, gegenüber Klinkorum.
Balrich hörte zu, wollte nicht mehr hören, und mußte doch weiterdenken, was er vernahm von dieser befreundeten und unerbittlichen Stimme. Er mußte denken, des Kampfes sei es genug und gut wäre der Friede . . . Aber alles umsonst gewesen, das erworbene Wissen, die verbrauchte Kraft! Aber zurück, dorthin wo du anfingst! Kann es sein? . . . Buck sagte: „Ja. Sie hoffen nicht mehr, zu siegen über Ihre Feinde, die Reichen. Sie könnten nur noch erwerben und hinausgelangen in ihren Diensten, als Mitwisser, Helfershelfer —“ Buck bewegte den Finger, unbestimmt wohin, vielleicht auf seine Brust? „Als Verräter,“ schloß er. Balrich sagte noch:
„Und immer ein Besiegter? Nie anders leben bis zum Tode, als im Schatten dessen, der die Macht hat?“
Da sagte Buck und lenkte schon ein, auf den Generaldirektor zu:
„Die Macht — das ist mehr als Menschenwerk; das ist uralter Widerstand gegen unser Atmen, Fühlen, Ersehnen. Das ist der Zwang abwärts, das Tier, das wir einst waren. Das ist die Erde selbst, in der wir haften. Frühere Menschen, zu Zeiten, kamen los aus ihr, und künftige werden loskommen. Wir heutigen nicht. Ergeben wir uns.“
So ging denn Balrich heim, in das Haus B. Nur über eine Wiese brauchte er zu gehen. — —
An der Maschine stand wieder der Arbeiter Balrich, aß wieder das Brot des Heßling, um Kraft zu haben für den Heßling. Vor sechs, den Rockkragen hinauf und los, den fröstelnden grauen Weg nach der Fabrik, zu Hunderten schweigend und trabend, Trab hinter sich, vor sich, in sich, Trab wie Maschinenlauf. Abgerackert zurück am Abend in seinem Zimmer, wollte er wohl einmal auch denken, sich erinnern, klarstellen; aber die vielen Geräusche des Hauses übertönten, wie einst, bei weitem seine Gedanken; und er fand es gut. Gut, einzuschlafen, gut, still zu sein. Nicht länger ein arbeitender Kopf, von dem die Chimären das Fleisch nagen. Nur Arbeit unserer Hände bezwingt den Sinn des Lebens, so daß er weniger furchtbar wird. Der Arbeiter Balrich heiratete das Mädchen Thilde, nahm sie zu sich mit ihrem Kind, ihrer Mutter, und ernährte sie alle.
Von da an saß er auch wieder in der Kantine mit den Genossen. Sie sahen endlich, er war ganz wie sie, niemand mußte vor ihm sich zurückhalten. Dennoch erfuhr er weder Feindschaft noch Undank. Er fühlte, dankbarer sind sie mir jetzt, da es vergebens war. Ein Händedruck sagte ihm manchmal, es ist in Ordnung mit dir und uns. Wir lieben uns, verraten uns, kämpfen, werden müde, ergeben uns. Wir haben viel gelernt, und vergessen es schon wieder.