„Was nützt es. Es dauert zu lange. Es dauert auch so lange wie —“
Balrich erschrak; er begriff, was sie meinte, und schlich hinaus. Da ward von rückwärts seine Hand erfaßt, und bevor er verstand was geschah, lagen auf ihr ein Paar Lippen, und vor sich hingekrümmt sah er den grauen Haarknoten seiner Schwester Malli und ihren demütigen Rücken; Er richtete sie auf. „Heute muß ich nicht mehr beten,“ sagte sie mit ihren grauen Lippen und stampfte eilig davon in ihren Männerschuhen und dem Rock, der gegen ihre knochigen Hüften schlug.
So ging auch er, die Stirn gesenkt, überladen zum erstenmal mit Verantwortung — und dennoch gestärkt durch sie. Er fühlte: Alle helfen jetzt mit, ich schaffe es. Auch sie wird glauben lernen.
Ohne daß er aufsah, verging der Winter. In einer Frühlingsnacht erst — ihm war es warm vom Lernen — er öffnete, halb entkleidet, das Fenster und lehnte sich hinaus, um Luft zu schöpfen einige Züge und dann weiter: da hörte er atmen — atmen ringsum aus den dünnen Mauern, den geöffneten Fenstern; und lauschend vernahm er dann auch Schelten, einen Aufschrei aus dem Traum, Gestöhn beim Sterben, und wieder das Winseln Eines, das zur Welt kam. Vor langer Zeit, er entsann sich, hatte er dies alles schon belauscht, nur der Sinn damals war anders. Nicht länger bedeutete dies Härte oder Trostlosigkeit und litten sie oder schliefen, er, er wachte und besann.
Er spannte sich beglückt. Seine Leute, seine Gefährten, die Seinen. Arm mit ihm, und eines Tages durch ihn reich. Die schaukelnden Rosenkränze vor Villa Höhe! . . . Hier verdüsterte er sich und versank. Eine Zeit gab es, da hatte er nur an sich gedacht und an niemandes Recht als nur seins; hatte auf der Stelle Besitz ergreifen wollen und genießen. Sein Herz erinnerte ihn dann doch an Leni, das geliebteste der Wesen. Aber verdienten andere Wesen es weniger, geliebt, befreit, bereichert zu werden? Sie waren nicht alle gut, nicht alle fein. Feinheit und selbst Güte, meinte der Arbeiter, bringt ihnen erst das Geld. Sie waren oftmals böse miteinander, wie gegen sie die Reichen, die das Geld nur böse machte, meinte der Arbeiter. Alle durcheinander kämpften sie, weil sie litten; kämpften sich durch, unbekannt einem jeden, wohin. Mit ihrer Vernunft waren sie sich noch nie begegnet.
Die Vernunft aber spricht doch zu jedem, daß wir einer so viel Recht wie der andere haben. Uns allen sind die Produktionsmittel vorenthalten, wir sind enterbt und werden bewuchert an Leib und Leben. Wir sollen die Reichen enteignen, das Glück der Erde soll unser sein, nachdem unser ihr Elend war . . . Ja; aber auch wir werden zum Unrechttun verurteilt sein, denn wir stehen auf dem Unrecht. Die Grundlage aller Reichtümer Heßlings ist ein wenig Geld, das einem der Unsrigen gehörte. Er aber, in dessen Namen wir nun hintreten vor Heßling, hat es schimpflich erworben. Wir, seine Erben, sind nicht gerechter als jener Ausbeuter; wir sollen es erst werden.
„Wie werden wir es? Wenn alle den gleichen Lohn und Gewinn haben? Kein Unternehmer; — aber ich heute, ich weiß mehr als die anderen, kann darum mehr und muß mehr haben. Wie entschädige ich sie?“ fragte er inständig das Bild vor seinem Geist, die Gleichheit.
Als das Haustor knarrte, wie am Morgen wenn es geöffnet ward, trat er hervor aus seinem eigenen Innern, sah plötzlich hellen Tag und hörte Sonntagsglocken. Viel Zeit verloren vom Lernen; aber, nie gekannt, sein Geist war absichtslos vorgedrungen, er hatte „gedacht, ohne daran zu denken“.
Hinausschlendernd in den festlichen Morgen, sah er über die Wiese den Rechtsanwalt Buck wandeln.
„Sie promenieren?“ fragte der dicke Mann. „Gehen Sie nach Villa Höhe, es ist gut für Sie. Für mich ist es gut, sie zu verlassen an einem solchen Morgen.“