Am Abend dann holten die Söhne den Vater ab, um „die Runde“ zu machen. Hierbei sagten sie: „Melde mich gehorsamst zur Stelle,“ und machten die Runde in strammer Haltung. Einmal fiel aus dem Dunkeln ein Schuß. Der Generaldirektor prallte zurück, schwankend, als sei er getroffen. „Er ist es,“ ächzte er. „Ich sehe ihn.“ Horst und Kraft erhoben ihre Revolver; es war aber Hans Buck, er hatte mit dem Mund geknallt.

Der Generaldirektor in seiner Angst verfiel sogar auf die „sittlichen Faktoren“ seines Schwagers. Man konnte sie versuchen, vor dem Äußersten; — und so knüpfte er mit Zillich an, wegen des Pfarrers von Beutendorf. Der Konsistorialrat indessen wandte ein, er sei zerfallen mit jenem Freigeist, der sich behaupte nur dank den weltlichen Behörden, ihrer Gleichgültigkeit in Sachen der Religion. Dabei drückte er dem Industriellen den Zeigefinger auf die Brust. Auch hier war etwas versäumt, sah Heßling.

Der Pfarrer Leiditz von Beutendorf, nicht nur im Streit mit der Synode, auch verschuldet wie er war in jedem Hof seiner Gemeinde — diesmal schien der vielgejagte Mann selbst etwas erschnappt zu haben; er sprach am Sonntag zu den Arbeitern von dem brennenden Gegenstand, — worauf er noch heller brannte. Denn Leiditz hatte aus der Schrift zusammengetragen, was sie an subversiven Tendenzen, Gott sei es geklagt, enthält. Ihm zufolge, Heßling persönlich überzeugte sich den Sonntag darauf, hätten ohne weiteres die Sturmglocken läuten sollen.

Vor Schluß der Predigt verschwand der Generaldirektor. Nachher stand sein Auto leer auf der Straße; wo war er? . . . Und das nächste Mal — nicht nur Frauen und Greise machten jetzt den Weg zur Kirche, alle Männer von Gausenfeld! — was hieß dies? Er machte kehrt, der Pfarrer, er fand nicht mehr die Stellen der Schrift, in denen sonst sein Finger lag, er fand andere. Die gingen wie von selbst auf, vielbenutzt, mit Unmut angehört. „Das kennt man,“ murrten die Männer und verliefen sich, noch während des Amtes. Der Pfarrer, mit verfallenen Zügen, verkroch sich hinter sein Buch . . . Vier Wochen aber, und was er schuldete, war alles bezahlt.

Jetzt kam Napoleon Fischer daran. „Von dem Manne ihrer Wahl,“ dachte Heßling, „nehmen sie hoffentlich noch Vernunft an. Der alte ehrliche Umstürzler kennt mich.“

Das Mitglied des Reichstages reiste auch herbei, der Generaldirektor empfing es gleich an der Bahn, bevor irgend jemand es zu sehen bekam, und führte es in ein leeres Wartezimmer. Hier fragte es:

„Was drehn Sie wieder für ein Ding gegen uns, Herr Doktor?“

„Ich brauche Sie, Fischer. Wir haben schon mehr Dreck zusammen verscharrt.“

„Früher einmal, Herr Geheimrat, habe ich daran Sie erinnert, und Sie nahmen es übel, denn damals war ich Ihr Maschinenmeister. Immer standen Sie vor der Pleite, und machten Schiebungen mit Ihrem Proleten. Schöne Jugendzeit!“ — Und die gealterten Geschäftsfreunde musterten sich. Napoleon Fischer unter seiner weißen Empörermähne, aus seinem vom Fluchen und Geschrei zerarbeiteten Kopf, den sogar die gegnerische Presse einen alten Feuerkopf nannte, lugte giftig. Diederich Heßling, breitflächig und hart, dünn behaart und über seine Augensäcke hinstarrend, schnaufte.

Dann hielt der Abgeordnete in dem Saal hinter der Kantine eine Versammlung ab. Ein Beamter suchte im Namen der Leitung es zu verhindern, aber gegen die Tatkraft des bewährten Führers drang er nicht durch. Napoleon Fischers brauner Jackettanzug, fast neu, ward von den Genossen mißtrauisch gemustert. Aber die Hosen hatte er nicht bügeln lassen und den Rock falsch zugeknöpft, so ging es ihm hin.