Schweigen. Sie gingen zurück.
„Lieben Sie jemand?“ fragte der Arzt.
„Ja, o ja!“
„Lieben Sie denn! Es ist das Mittel, den Haß zu überdauern.“
Sie gaben sich die Hand. Balrich durchmaß noch einmal die weißen, langen Gänge; Pflegerinnen schoben Karren mit Essen; — und war draußen. Es gibt auch Freunde, dachte er in dem fremden Gedränge der Stadt. Aber auf der Straße nach Gausenfeld ward es ihm härter zu Mut, die Luft trug ihm Kampf entgegen, ihn erwartete Kampf. Er dachte: „Der Doktor soll sich nur nicht den Mund verbrennen. Er ist doch angestellt, daß er mich verrückt macht. Er läßt mich hinaus, was mag dahinter stecken?“
In der Fabrik erfuhr er es sofort. Sie ward von Gendarmen bewacht; schon seit gestern drohte ein Zusammenstoß. Die Arbeiter hatten die Leitung vor die Wahl gestellt, Streik oder Balrich. Aha! Er lachte grimmig und ging an die Arbeit. Daher der Edelmut des Arztes! Alle gleich, alle eine Bande! . . . Ein Zweifel: war es Zufall? „Er sah mich doch an wie ein Freund . . . Als könnte es Freunde geben! Sie sind abhängig, einer von dem anderen, und alle von dem Reichsten. Der aber ist nicht mein Freund . . . Niemandem glauben, nur arbeiten!“
V
Das Richtfest
Er arbeitete so sehr, daß er nicht merkte, was Festliches im Werk war. Haus C, der Schrecken Klinkorums, war unter Dach und sollte gerichtet werden. Ein Septembersonntag stand bevor mit Freibier und Musik, Tanz, Aufzügen, Rausch. Balrich sah den glücklich Erwartenden nach, den Mädchen und Frauen, die ihren Putz besprachen, den Liebespaaren, erfüllt vom Vorgeschmack ihres Glückes, — und ihn bewegte ein Mitleid, mächtiger sogar als sein Zorn. Er konnte ihnen sagen: „Belügt euch nicht! Ihr wißt doch, ein Almosen wirft er euch hin, den Bettelpfennig eines sorglosen Tages für all euer lebenslanges Leiden, damit ihr es weiter leidet, lebenslang.“ Aber er schwieg, kaufte der armen Thilde, die ihm nachschlich und freilich mehr hoffte als dies, ein neues Tuch, und für seine Schwester Leni ein Paar Schuhe, bronzefarbene Tanzschuhe, mit Stöckeln wie für eine Fee.
Der Festtag, blau wie er sein sollte, ging auf, — und da wehten auch schon vom Hause C die Fichtenkränze, Fahnen rückten heran, Arbeiter-Kegelklub, Arbeiter-Turnverein, und Obmann oder Ordner genossen die Wonne zu kommandieren, alle anderen das Glück stramm zu stehen nach eigener Wahl. Auf der Wiese indessen, vor den Häusern A B wurde ein Karussell in Betrieb gesetzt. Und die Kinder hatten nicht nur dies, sie hatten Waffelbuden, Schießhallen und Kioske mit Limonaden, alles, die Wiese entlang, am Weg zum Friedhof. Das Programm der Erwachsenen war anders.
Zuerst das Essen, Geräuchertes und Bier ohne Grenzen, in dem Saal hinter der Kantine, bei dröhnender Blechmusik, beim Geruch der getünchten Wände und grüner Kränze. Dann die Rede Horst Heßlings.