„Darum Seine Majestät der Kaiser und Herr Generaldirektor Heßling, hurra, hurra, hurra!“ — was die Arbeiter erwiderten, mit Stimmen, als ob sie schossen. Die Blechmusik brüllte den Tusch.

Jetzt aber den Saal ausgeräumt! Die jüngsten der Männer legten die Röcke ab und schafften es, indes in den Winkeln die Mädchen schon kichernd bereitstanden. Balrich half den langen Tisch auseinandernehmen, da trat Leni ein. Sie kam erst jetzt, als verdienten Lärm und Gestank der Abfütterung nicht ihre Anwesenheit, — und war sie nicht seit dem vorigen Jahr eine Dame geworden, nicht weniger als eine Dame? Ihr Bruder sah es auf einmal. Das Tuch der Arbeiterinnen noch über den Schultern; aber darunter ein Seidenkleid, eng und so lang, daß er nicht sehen konnte, ob sie seine Schuhe trug; und das goldblonde Haar ein so kunstreich glatter Aufbau, als sei es nur von feinen, ganz weißen Händen berührt worden. Er sah auf ihre Hände: sie hatte Handschuhe, die reichten bis unter die Ärmel.

Sie hielt den Kopf hoch, wie eine Dame, die das Vergnügen dieser Leute in Augenschein nahm, und sie ging mit kleinen behinderten Schritten, ihre lang gewölbten Schenkel zeichneten sich ab dabei. Balrich stand, als er seine Schwester so sah, rot und müßig da, — und dennoch war er stolz, liebte sie und wollte hin, sie geleiten. Während er aber im Laufen den Rock anzog, erschien neben ihr Horst Heßling, auf sein Zeichen ging Musik an, und schon tanzten sie dahin, an Balrich vorbei, den sie nicht sahen. Er blieb stehen; viele andere Paare hinter ihnen her stampften und scharrten; nun aber wieder sie kamen, hörte er so wenig, wie wenn Staub wirbelt.

Lange ging es fort; ein Tanz beendet, sogleich schwang sich ein neuer, und Leni immer darin und immer mit dem Einen. Balrich merkte, man sah ihn an, weil er dastand, nicht fortkam und sein Blick immer finsterer ward auf ihnen. Dastehend, nannte er seine Schwester schamlos und den jungen Herrn einen Lumpen, machte sich anheischig dazwischen zu fahren, sagte ihnen die Minute voraus, in der es aus sein sollte mit ihnen und er selbst daran kam mit seinem Recht und seiner Ehre; aber sie inzwischen tanzten. Sahen ihn nicht, tanzten nur und lächelten sich an, — was ihn entwaffnete. So schön war Leni, mit den weit auseinanderstehenden Augen, ihren roten Lippen, dem weißen Schimmer auf dem eingedrückten Nasensattel, — so schön seine Schwester, daß er um ihretwillen auch ihren Kavalier schön fand, samt Monokel, zurückgekämmtem Strohhaar und der rötlichen Haut, die schwitzte. Er führte sie doch, wie niemand führte. Sie war bevorzugt, war glücklich durch ein Nichts, einen Tanz — „und ach! wann wird sie es sein, weil ich darum gekämpft habe . . . Ich sollte nicht zusehen, ich weiß es. Aber was geschieht hier?“ sann er und sah bunte Röcke vorbeiwirbeln, bunte Blumen, Augen, vom Rausche bunt. „Staub wirbelt doch nur. Wir Armen!“

Da um die beiden freier Raum ward, sah er, seine Schwester hielt hoch das Kleid gerafft über dem seidenen Fuß, und der stak in seinen Feenschuhen. In Schuhen von mir doch tanzt sie durch das bißchen Leben; damit ging er hinaus, gefolgt von der sehnsüchtigen Thilde.

Er kaufte ihr zu trinken und sagte, er wolle nun kegeln. Hinter den Buden das Karussell kreiste und flirrte in der Sonne, mit Brüll- und Klingelmusik, bebänderte Kinder umher, wartend, schreiend. Oder sie wälzten sich schreiend auf der Wiese, und von den Buden holten sie Getränke für die Mütter, — indes je drei oder vier in dem Wägelchen mit dem Esel hockten; von der Landstraße bis zum Friedhof fuhr es, Staub verbreitend, rastlos hin und her. Staub zog über die Wiese, die Buden, den Bauplatz, die Kegelbahn; und in dem Staub das Geschrei und der Dunst von Schmalzgebäck wälzten sich die Friedhofsmauer entlang, bis wohin Trinker saßen, und hinein in den Friedhof, wo zwischen den Gräbern einige schon ausschliefen.

Den Bauplatz hatten andere erwählt, die kühnen Kletterer und nüchternen Witzemacher. In dem treppenlosen Neubau schwangen sie sich bis in die höchsten Fensterhöhlen, dort vollführten sie ein Getöse, daß gegenüber endlich Klinkorum zum Vorschein kam. Er hatte sich weit zurückgezogen vor den hemmungslosen Kundgebungen des Volksfestes; getroffen in der tiefsten Würde des Gebildeten saß er in seinem Studierzimmer, es war auf immer nun verdunkelt und mit schlechter Luft erfüllt vom Haus C, dieser alles beschattenden Kloake des Pöbels, ihm vor die Nase gesetzt durch das ruchlose Kapital. Jetzt zeigte er sich in seiner Balkontür, um, was noch möglich wäre, von den Ausschreitungen der Besitzlosen zurückzubannen kraft seines Auftretens. Zuerst, da er sich zeigte, war ihr Freudengeschrei furchtbar. Die Rechte kühn in seinem drapierten Schlafrock, heraus den Spitzbauch und drohend mit den Zacken, den sieben Bartsträhnen, dem Brillengefunkel, brachte er sie freilich zur Unterwerfung, wie sonst wohl die aufrührerischeste Schulklasse. Sie schwiegen; nur daß, er glaubte sich schon sicher, auf seine Hauskappe etwas niederfiel. Würdig trat er den Rückzug an; er erkannte, die Waffen, mit denen sie ihm begegneten, waren nicht die des Geistes, sie spuckten. Schon traf es auch seinen Spitzbauch, Klinkorum sprang und verschwand. Am Fenster seines Schlafzimmers erschien er wieder, ward aber empfangen wie zuvor; denn auch dort standen sie bereit, der Neubau beschrieb einen Winkel und umklammerte ihn ganz. Da gab er es auf, die Stirn zu bieten. Aus dem hintersten Dunkel seiner Bücherei sah er es weiter in langgestrecktem Bogen aufglänzend herüberschießen und auf seine Dielen fallen, auf seinen Studiertisch, ja in seine Pfeife, die daranhing und die es auslöschte. Wer spuckte, er sah es nicht, sie waren ein Greuel, sie und Heßling, der sie dort hinstellte. Ja, Klinkorum, alles hassend, fühlte es deutlich, der Dämon des ruchlosen Großkapitals, leibhaftig stehe er hinter jenen dort und lenke ihre Geschosse . . . Dies war der Zeitpunkt, da Klinkorum sich verschwur zum vorbehaltlosen Verderben Diederich Heßlings. Seine Proteste gegen den Bau der Mordhöhle drüben waren vergeblich geblieben, bei Heßling, und auch das dringendste Angebot, ihm sein Haus zu verkaufen, vergeblich. Ruchlose Mißachtung, der Machtwahn derer, die fallen sollen! Künftig nun verschlug kein Paktieren mehr, Klinkorum war ein Empörer und hielt es mit den Empörern. Der Feind der Proletarier war auch seiner, und darum, geschehen war es um ihn. Wehe den Gewaltigen, wenn gegen sie verbündet aufstehen die Muskelstärke und die unüberwindliche Kraft des Geistes!

Nicht etwa, daß das Vergnügen geringer war auf der Kegelbahn. Der wilde Wein, der sie umrankte, war schon rot, das Bier kam ohne Umweg aus einer Klappe in der Wand der Kantine, auch ward ein Schwein ausgekegelt; alles aber zahlte Kraft Heßling, der hohe Protektor des Arbeiter-Kegelklubs. Er zahlte das Bier, das Schwein, und trug noch die Kosten der Witze. So oft er schob, ließ Dinkl, die geschickteste Hand, ihm eine Kugel zwischen die Füße rollen, so daß er stolperte und manchmal auch hinfiel, worüber alle lachten. Um Weiterungen zu vermeiden, tat er immer, als merkte er nichts, und verteilte sogar Zigaretten. Denn erstens durfte er kein Spielverderber sein, Heßling Vater hatte ihm unweigerlich befohlen, sich populär zu machen. Und dann wohin? Der Tanzboden, wo sein Bruder Horst mit dem Volke Freud und Leid teilte, war nicht der Ort für Kraft; er fürchtete zu sehr die Mädchen. Da roch er lieber den Schweiß der kegelnden Männer. Jeden Augenblick kam ihm einer unter die Nase mit seinen Achseln oder seiner rauhen Brust, und dann wälzten sie sich; denn Kraft war erbleicht und hatte Augen, die, geisterhaft umrändert, von nichts mehr wußten. Auch er entledigte sich des Rockes; Jauner, ergeben wie er war, half dem jungen Herrn und hängte den Rock über einen Stuhl, — worauf Kraft, lang und mit achtzehn Jahren verfallen, einen ohnmächtigen Schub tat. Um ihn wieder gut zu machen, zog er aus seiner Hose schon die zweite volle Zigarettentasche.

An Balrich, der vom Eingang her zusah, trat Polster, der Maschinenmeister, heran und erklärte ihm, was er jetzt sagen wolle, sage er nur als Verwandter. Da er nicht weiterkam, tauchte aus dem roten Weinlaub seine Frau hervor und ermunterte ihn. „Sag’ was wahr ist, Polster!“ Da bekannte er:

„Sie will, daß ich dir einen Wink gebe wegen Leni. Mir kann es gleich sein, was Leni vorhat.“