Nur dies eine Mal hatte sie ihn aus dem Auge gelassen. Er hatte vor dem von Blumen bunten Landhause neben seiner Tonietta gestanden, und wenn er den Arm um die Geliebte legte, schloß Frau Camuzzi die Lider und senkte bitter die Mundwinkel. Von seinem halblangen und glatten schwarzen Haar schwankte eine Strähne auf seiner Stirn, über dem breiten kurzen Sattel der Nase. Er war bleich in seinem weißen Anzug; und seine Blässe und sein schwarzer, niemals lachender Blick machten, daß er in der Fülle seines Glückes, er allein unter den Fröhlichen, schon beschattet schien von dem Schicksal, das bevorstand.
Und er stürzte vor, weil er die Kameraden hörte, die von seiner Frau schlecht sprachen. Er hatte einen Wortwechsel; er biß sich in die Knöchel der Finger; er richtete sich auf, trat fort von den anderen, vor die Rampe; — und die Handlung, die gekeucht hatte, holte tief Atem: er sang seine Arie. „Ich bin betrogen,“ sang er, „nun soll ich lieben, die mich verriet. Ich werde glücklich sein mit meiner Feindin. Morgen spreche ich mit ihrem Liebhaber, und das Glück ist aus . . .“
„Aus“, dachte Frau Camuzzi. „Warum ist er nicht wiedergekommen? Er sagte doch, ich sei schön und er liebe mich. Ich sagte ihm, wenn er sich nach dem Mittagessen in das dunkle Gelaß unter der Treppe einschleiche, werde ich zu ihm kommen. Nie hat er es getan; — und statt meiner soll er andere lieben: die Baronin, die Malandrini, bei der er wohnt, Mama Paradisi sogar. Seine Treue brauche ich nicht; aber ich habe kein Glück. Mein Mann könnte doch sterben; ich könnte hinausgelangen aus dieser Stadt, wo niemand mich versteht. Aber ich selbst werde hier sterben, ohne genossen zu haben; — und ich hasse alle: ihn, der mir nicht helfen will, und Camuzzi, der mich hindert!“
„. . . das Glück ist aus zugleich mit der Lüge. Es dauert eine Nacht. Die Nacht wollen wir genießen, sie kostet vielleicht das Leben, die kostbare Nacht!“
„Die kostbare Nacht!“ wiederholte der Chor. Er begleitete heiter die drohenden und schmerzvollen Töne des Piero. Der Hochzeitszug kehrte zwischen den Feldern ins Dorf zurück, wo es Abend läutete; und ihm voran ward, wenn die Glocken schwiegen, die Flöte der Pifferari laut, die unsichtbar in der Ferne, als sei es Traum und Neckerei, eben die Weise bliesen, in der, groß im Vordergrunde, die Leidenschaft des Liebenden tobte. Nun war er auf der Bühne allein, hielt eine letzte Note aus; — und indes drunten das Tenorhorn des Schneiders Chiaralunzi seinen Schrei wiederholte, umfaßte der Piero mit beiden Händen seine Schläfen, tat zwei stürzende Schritte und schüttelte sich ganz . . . Er war fort. Im Saal blieb es noch so still, daß das Schnarchen der Frau Giocondi hörbar ward; aber noch bevor ihr Mann sie gezwickt hatte, waren alle Hände in der Luft und klatschten. Sie klatschten, als jagten sie hinter den verklungenen Tönen her. Daß das Orchester weiter wollte, erbitterte sie.
„Noch einmal! Noch einmal!“
„Willst du still sein!“ zischte Frau Camuzzi über die Schulter ihrem Gatten zu.
„Aber er hat sehr gut gesungen, meine Liebe“, sagte der Gemeindesekretär. „Alle finden es.“
„Ich nicht“, und sie zerbiß sich die Lippe. „Er ist glücklich,“ dachte sie; „aber ich werde mich rächen.“
Er zeigte sich, mit seinem dunkeln Lächeln, an der Kulisse.