„Ich bin armselig, sobald ich nicht singe. Dies Haar ist zu schön für mich, es ist nur entliehen von der, die singt. Ich hasse es, da es mir nicht gehört, da ich es pflegen muß für die fernsten, spätesten Blicke und nie die Küsse des nächsten darauf empfangen darf.“
Sie ließ die Arme hängen und das Haar triefen.
„Wie seine Augen sich ängstigten! Wie er bleich war von der Begierde, mich glücklich zu machen! . . . Liebe ich ihn? . . . Erlaube es mir!“
Welchen Geist flehte sie an? Sich selbst?
„Erlaube mir, ihn zu lieben! Welch gutes, leichtes Geschick es wäre!“
Da warf sie sich mit fliegenden Armen über das Bett. Unter ihrem weiten, nassen Haar zuckte sie; ihre Brust arbeitete wie zum Sterben; — und in dem ungeheuren Schluchzen, das ihr die Kehle sprengte, fühlte sie das größte Glück ihres Lebens hervorbrechen. Sie wußte: „Es wäre das leichte Geschick der andern, nicht meins. Meins ist hart, und ich bin stolz auf seine Härte.“ Dennoch weinte sie köstlich.
Unter ihrem Fenster sagte sich der Cavaliere Giordano:
„Die Frau des Schneiders liebt mich also wirklich. Sie allein hat noch Licht bei sich, und sie weint.“
Er neigte den Kopf auf die Seite, und solange das Schluchzen währte, blieb er genußsüchtig lächelnd stehen. Das Licht erlosch; der Alte schlich zurück auf den Platz. Er setzte sich vor dem Café „zum Fortschritt“ an einen der mondbeschienenen Tische. Es schlug hallend ein Uhr.
„Alle schlafen. Da ich nicht schlafe: hätte ich nicht die Frau des Schneiders trösten sollen? Der Schneider freilich ist stark, und ich zweifle, ob ich noch jetzt aus dem Fenster springen könnte, wie damals in Rom. Die Contessa Riotti! Sie verliebte sich in mich, als ich den Herzog im ‚Rigoletto‘ kreierte. Sie war die schönste Frau von Rom, und sie nannte mich den schönsten Mann, den sie je gesehen habe. Viele Jahre später sagte mir die Bouboukoff dasselbe. Es war zur Zeit des Caino, der letzten Rolle, die ich kreierte. War nicht die Bouboukoff die letzte Frau, die mich wirklich liebte? Die letzte Rolle, die letzte Frau . . .“