Er schrie in die Musik hinein, denn jenseits des Gartens fing Chiaralunzi mit den Seinen aus ganzer Kraft ein neues Stück an, und die Bande des Barbiers ließ sich nichts nehmen. Es war der Hochzeitsmarsch aus der „Armen Tonietta“; alle sangen ihn mit: ein wenig leiser und unsicherer, solange sie in dem düsteren Winkel gingen, und um so herzhafter, wenn sie draußen waren. Und als die Räder und die Mandolinen, die Diligenza, der Advokat, Galileo und das Volk, die beiden Banden, der Korb voll Choristinnen und das Volk, die Damen im Landauer, das Gefährt des Schlächters, der Gepäckwagen mit Gaddi und dem männlichen Chor, das Volk ringsum und das Volk dahinter, bis zu den Kleinen, die die noch Kleineren im Staub nachschleppten, bis zu einem Paar, das sich versäumte, bis zu der alten Nonoggi auf ihrem Schubkarren: als sie alle einige leisere Atemzüge lang den Schatten von Villascura auf sich getragen hatten und ihm entronnen waren ins Licht, da bewegte er sich; ein Gesicht schimmerte hervor.
Alba hielt hinter sich die Hand am Gitter, zog den Schleier enger um den Kopf, spähte vorgeneigt . . . Noch hing der Staub der Menge in der Luft. Ein Zucken — sie lief. Sie lief der Stadt zu, ungeschickt, als seis in einem Gedränge, mit ungeregeltem Atem, angstvoll geöffnetem Munde, — und immer krampfte ihre Hand sich auf der Brust, zwischen den dichten Knoten des Schleiers.
Plötzlich, ein Ebereschenbusch stand blutrot im Graben, riß sie den Schritt zurück, sah entsetzten Blicks in den leeren Staub der Straße, als läge irgend etwas Grauenhaftes quer darin, — und dann taumelte sie, die Hände vor das Gesicht geschlagen, auf einen Stein.
Sie hob die Stirn; die Reste der Musik klangen herüber, klein, ineinander gezogen, schwankend, und dazu ging das Glöckchen einer Kapelle in den Feldern. Ihr war es, alle jene Stimmen sängen ihr nach; sie wiederholten, als sei es Traum und Neckerei, ihren eigenen Schmerz. So hatte Piero, als er die Tonietta verlor, im Hochzeitszuge weit dahinten die Flöte der Pifferari gehört! Und das machte, daß Alba aufstand und, den Kopf gesenkt, auf den Heimweg trat. War ihr Schmerz nicht auch seiner? Gingen unser aller Schmerzen nicht ein in die große Harmonie der Welt?
Schwindelnd warf sie sich wieder herum und lief weiter: in Stürzen, mit Pausen der Atemlosigkeit, des Wankens. Einmal blieb sie stehen und sah, langsam den Kopf schüttelnd, umher. Der Wind roch noch immer nach dem Rauch auf den Feldern, sanft wie je glänzte das Öllaub, der Himmel war blau, — und Alba rang zu den kühlen Bäumen hinan die Hände.
Vor dem Stadttor blieb sie, das Taschentuch in den Mund gewühlt, daß niemand sie atmen höre, hinter der schwarzen Säule und horchte. Keine Stimme in der Zollwache, auf dem Pflaster kein Fuß. Sie griff sich an die Stirn; wars nicht vielleicht Lüge und Wahnsinn? Wenn sie bis zwanzig zählte und es blieb still, wollte sie umkehren . . . Ein Hahn krähte, sie trat ein.
Sie schlich auf den Zehen, sie tastete an den Häusern hin. Von einem Blinken in einer schwarzen Tür fuhr ihr Herz auf. Endlich: der Platz; sie lugte hinaus, er lag grell und leer. Eine Katze, die in der Sonne ihren Buckel machte, entfloh. Der Brunnen rann schwach. Welche zitternde Müdigkeit! Wie schwer die Füße! Kaum daß sie noch bis zur Gasse der Hühnerlucia gelangte, und sie fiel auf die Mauer und schloß die Augen.
Die Stille fing an, zu schwingen und zu dröhnen, als gingen alle Glocken der Stadt; und durch den Lärm ihres Fiebers hindurch neigte sie das Ohr nach der Ecke der Gasse. Die Sonne brannte ihr auf den Lidern, den klaffenden Lippen; ihr Rücken glitt kraftlos von der Wand ab, in dem Knoten des Schleiers krampfte sich ihre Hand; — Alba wartete und lauschte.
In der leeren, verstummten Stadt, stumm, als wartete sie mit Alba, geschah eine unmerkliche Regung: jener Fensterladen hinter dem Glockenturm zitterte, ganz sacht zitterte er und hob sich ein wenig.
Und am Ende der Stadt, hinter dem Corso, in seinem luftigen Zimmer oben auf der Schmiede setzte der Kapellmeister Dorlenghi über die Stühle weg, hielt sich keuchend das Herz, jagte weiter. Nur einmal stockte er jäh, wie vor etwas Unüberschreitbarem, ließ die Lippe hängen und die Hände sinken . . . Ein trotziger Satz: er hieb im Triumph auf das Klavier ein, und bei jedem Takt schnellte er mit kühnem Kopfrücken vom Sessel auf, als ritte er und hätte unter den Hufen die Welt.