Aber es kommen ihnen, spielt er Klavier, so weiche Gedanken. Und als ein alter General, eine gutromantische Mischung aus Eleganz, Burleske und Grausamkeit, sie zu einem Streich gegen den Lehrer aufstacheln möchte, da können sie ihn nicht tun; und sie schämen sich vor dem General und schämen sich, daß sie niemals gute Argentinier werden können. Der unter diesem Himmel fremde Keim geht mächtig in ihnen auf. Ein verwundetes Pferd, das nicht sterben kann, stürzt sie in Aufregungen des Mitleids, des Dranges, seine Qual zu enden, und der Unfähigkeit, das erlösende Beil fallen zu lassen. Wie Carlos einst von einem Pfirsichbaum mehr Früchte ißt, als der Lehrer erlaubt hat, entsteht eine Tragödie des schlechten Gewissens.

Die Starknervigkeit und die Unbefangenheit ist gebrochen. Carlos und Nicolàs sind reif, übers Meer nach ihrer anderen Heimat zu fahren. Sie werden immer behutsamer empfinden; moderne Ideen werden sie gefangen nehmen. So sehr sie anfangs sich in Freiheit zurückgesehnt haben, bald würden sie die kleinen, wilden Pferde dort drüben nicht mehr besteigen, mit den Menschen wohl noch sprachlich, aber kaum mehr seelisch sich verständigen können. Mit Mühe werden sie die Brücke suchen zu so fremden und erstaunlichen Erinnerungen wie das Erdbeben in jener sonderbaren kleinen Gebirgsstadt mit ihren trägen, verkommenen Bewohnern, oder die Revolution in der Hauptstadt, als sie des Nachts einem in ihr Haus geflüchteten Polizisten die Knöpfe abschnitten, damit er nicht erkannt und von den Dächern herab erschossen werde.

Anders als die hier Landläufigen erhält einen solche Vergangenheit immer. Carlos und Nicolàs werden schlagfertiger und mit fremdem Akzent sprechen, bildlicher denken, bunter leben — und schreibt einer von ihnen ein Buch, wird er seine deutschen Gedanken und Stimmungen in romanische Knappheit fassen. Er wird dem Ahnungsvollen der einen Rasse das klar Sinnliche der anderen verbinden, Groteske und Humor, Phantasie und Seele haben, und wird ein kleines, sehr unterhaltendes, sehr reizvolles, durch ein ungewöhnliches Schicksal und seinen eigentümlichen Ausdruck bemerkenswertes Buch hervorbringen.

[1] Rudolf Schmied: Carlos & Nicolàs. Kinderjahre in Argentinien. München 1906. R. Piper & Co. Inhalt: Die Boleadoras. Der Chinese. Das Brüderchen. Die Tigerjagd. Herr Dr. Bürstenfeger. Ein Tag mit Herrn Dr. Bürstenfeger. Die Reise nach Mendoza. Die Stadt Mendoza. In den Cordilleren. Nach Paraguay. Die Revolution. 3. Tausend. Geh. 2 Mark, geb. 3 Mark.

Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.