„Nein, alle sollen mich sehen, und wenn wir zur Kirche gehen, mich lästern und verdammen! Ich trage alles, so will es die Liebe. Ich werde Euch dienen, und Ihr könnt mich vertreiben, wenn Ihr meiner satt seid, wie Eure Sklavin.“
„Hört doch, Ginevra, den klingenden Osterhimmel!“
„Mich töten, wie Eure Sklavin.“
„Vernehmt Ihr meine Stimme, Ginevra? O, lehnt nicht Euren Nacken in Eure verschränkten Hände und haltet nicht Euer goldig überflossenes Gesicht den Überirdischen hin! Seid nicht mit Ihnen, seid mit mir! Ich ängstige mich!“
„Ich weiß jetzt, warum er wiederkehrte, und ich folge ihm nach. Es ist schwer und doch selig. Wir kommen wieder, um uns noch einmal kreuzigen zu lassen; und kämen immer wieder, so oft die schwere und süße Liebe es will.“
„Ihr sinkt um! Ginevra, was ist Euch! Barmherzigkeit! Ihr verspracht sie mir! Euer Herz steht still. Waren denn, die ich fühlte, seine ersten und letzten Schläge? Seid Ihr nur gekommen, damit Ihr mich durch Fortgehen noch elender machen könntet? Hütet Euch, Madonna Ginevra! . . . Wie denn? Ich war von Sinnen, als ich soeben an ihr zweifelte. Ich wußte wohl, daß sie in Tod zurückfallen werde. Sie ist mein, weil sie tot ist. Im Leben war sie meine große Qual, aber ich bin der, dem ihr Schatten hold ist. Sie wird wiederkehren, sich mir jede Nacht aufs neue beleben. Ich will sie nun zurücktragen, bis zur Nacht; und will ganz frohen Mutes sein. Auf der Straße sind Kirchgänger, im leuchtenden, jauchzenden Ostermorgen. Ihr Mädchen, die ihr zum Dom geht! Ihr habt den gleichen Weg wie eine Frau, die in diesem Hause wartet. Sie ist geschmückt, wie ihr; und wie glücklich immer ihr sein mögt, ihr habt euch ihrer nicht zu schämen. Kommt herein und nehmt sie mit!“
Doppelte Heimat
von Heinrich Mann.
Man kann in einem Lande geboren werden, sich dieser Luft verbunden fühlen wie der Baum im Garten, zwischen sich und den Menschen umher keinen Unterschied machen: und allmählich steigen dennoch Zeichen herauf, daß man anders ist als die meisten; daß die Sprache, mit der man aufwuchs, noch nicht die ist, in der man sein Leben lang sich ausdrücken soll; daß hinter diesem Land eine zweite Heimat wartet.
Die Knaben Carlos und Nicolàs[1] sind Argentinier, ihr junges Leben hat argentinischen Inhalt und argentinisches Tempo. Mit ihren Eltern und einem Gesinde von Gauchos, Neapolitanern, Deutschen und Mulatten bewohnen sie ein Landgut in der Pampa. Die unabsehbare Ebene gehört ihnen und ihren Ponys. Sechsjährig, klettern sie aufs Pferd, galoppieren, fallen, werden geschleift und fangen von vorn an, ohne von Gefahr zu wissen. Sie setzen ihr Vertrauen in Erde und Getier. Sie fangen Beutelratten, junge Strauße, Kropfeidechsen, Rehe, und erfüllen die Salons mit Stallgeruch. In den Sümpfen hat ein Tiger gebrüllt, und sie ruhen nicht, bis sie mit in das lecke Boot dürfen, worin ein Tartarin sich auf die Jagd macht. Immer in Bewegung, träumen sie selten, sehnen sich selten. Ihre Phantasie greift gerade so rasch zu wie ihre Hände. Sie sehen auf dem Fluß ein Dampfschiff vorbeifahren, und der Ältere nimmt es sich, um es für ein Fangseil dem jüngeren zu schenken. Einmal im Zuge, schenkt er Land und Herden dazu, soviel der Bruder mag. Alles, fällt ihm ein, hat er erobert. Stolz auf seine Taten, besteigt er sein Pferd und reitet, hoch aufgerichtet, die eingetauschten Riemen über seinem Haupte schwingend, davon.
Nur daß ihm, mit der Besinnung, ein Gefühl kommt, das seine kleinen Landsleute kaum berührt hätte: Reue. Eine der frühesten Regungen ist’s des anderen, das die Knaben in sich tragen, des unter diesem Himmel fremden Keimes. Und eines Tages stellt, nach unheimlicher Erwartung, der sich ein, der diesen Keim in ihnen pflegen soll: der deutsche Hauslehrer. Seine Mittel sind Musik und Milde, Pedanterie und Wohlanständigkeit. Er verlangsamt ihr Tempo: nicht nur, wenn er zu Fuß zwischen ihren Ponys geht, auch indem er ihre Phantasie am Zügel hält. Ihr unbefangenes Verhältnis zur Welt umgarnt er mit Bedenken. Erfinden, Lügen, das ganz natürlich war, ist auf einmal zum schlimmsten Laster geworden und betrübt den Lehrer tödlich. Er hat Furcht, und sie müssen sich hüten; er hat einen schlechten Magen, und sie müssen Diät halten. Er ist der Schwächere; und eigentlich aus Generosität willigen sie ein, „gute Deutsche“ zu werden. Selbstüberwindung ist nötig; denn die Fremden werden herzlich verachtet, und man macht sich lächerlich, wenn man mit Botanisiertrommel, Apotheke und Feldflaschen auf Märsche auszieht. Manchmal lassen sie den Lehrer fühlen, wie viel sie vor ihm voraus haben, und daß sie auf ihrem Grund und Boden sind. In eine der elegantesten Straßen von Buenos Aires mündet eine sehr kotige, und ein totes Pferd mit gedunsenem Bauch liegt darin. Dem Lehrer, der sich die Nase zuhält, versetzt Carlos Schrecken dadurch, daß er sich nach einem Ziegelstein bückt. Den Gestank des Pferdes, wenn es durch einen Wurf zum Platzen gebracht sein wird, kann sich dieser Fremde gewiß nicht vorstellen!