„Sie waren lügenhaft. Ihr schriebt darin von einer Sklavin, die Euch sehr teuer sei, und die Ihr dennoch um meinetwillen verstoßet, und die darum zugrunde gehe. Was für Lügen, Messer Raniero! Erstens, woher solltet Ihr eine Sklavin haben? Ihr seid der Sohn Messers Guido, der zum Handwerk der Wolle gehörte. Hättet Ihr noch eine Geliebte gehabt, die Frau eines Nobile, und sie, mir zu gefallen, verlassen!“
„Was wißt Ihr, Madonna Ginevra, frage nun ich. Was könnt Ihr wissen. Hört mich an: ich habe Euretwegen so Großes verlassen und verloren, daß niemand Größers erträumen kann. Bevor ich Euch erblickte, waren mir Taten sicher, die von Harnischen glänzten, und bemerkte ich in mir, wenn ich lauschte, das Quellen wundervoller Worte. Keine Frau hatte sich mir verweigert, kein Reich mir widerstanden; ich war ein nie besiegter Sänger und ein Held, dem nichts verboten dünkte . . . Das alles endete, als Ihr mir erschient, in Kleinmut. Ihr waret endlich die, die meine Träume übertraf, vor der ich sie, wie meine arme Magd, verstecken und vertreiben mußte. Ihr schicktet mir das Fieber einer Begierde, so übermächtig, daß ich mich davor fürchtete, sie zu stillen. Ich fühlte mich von einem Fluch geschlagen, lag keuchend da und verwünschte Gott, weil Ihr am Leben waret! Das, Madonna Ginevra, ist Liebe! In mir war’s übervoll von vielem, das Euch entgegenschlug, wie ein Herz, das von einer Armbrust flöge, wie ein Blütenzweig, den eine Hand niedergebeugt hätte und plötzlich schnellen ließe; — aber ich war stumm. Und die heißesten Taten, die in mir geschahen, regten draußen, jenseits meiner Brust, nicht einmal so viel Staub auf, wie ein Hund, der über die Straße läuft. Manchmal trieb ich ein verzweifeltes Spiel, mir selbst zum Hohn, und stellte mich tüchtig. So forderte ich Euren Mann zum Kampf — und ließ ihn unversehrt. Denn als ich ihm gegenüberstand, vernichteten mich Zweifel: wer bin ich, und wie darf es mir einfallen, an Dinge Eures Lebens zu rühren. Wie kann ich gegen Euren Willen Euren Mann töten. Wie Euch meinen eigenen Tod zumuten, diese lächerliche Beleidigung! Muß nur einer Eurer Atemzüge langsamer oder schneller gehn, weil ich Euch liebe? Ich kam mir tot vor, hört Ihr’s? ich, und wie ein kraftloser Schatten. In Schattenspielen raubte ich Euch, durchjagte mit Euch die Welt, tötete, wessen Atem Euch nur anwehte. Seht Ihr den Boden dieses Zimmers etwa voll Blut? Und doch habe ich hier in mancher Nacht gewütet, bis ich selbst, voll Wunden und röchelnd, dahinsank!“
„Und so, Messer Raniero, habe auch ich ganz in irren Tränen abendelang die große Puppe geherzt, die ein von Euch empfangenes Lebendiges sein sollte, habe mich gesträubt und Euch in Sehnsucht gehaßt, bis Messer Fausto mir das Gesicht aus einem Kissen riß und mich schlug. So haben wir dasselbe Leben geführt, Messer Raniero. Ich höre Euch zu mit einer Freude, die mich zerreißt. Ihr seid gewiß noch schlimmer daran gewesen als ich selbst? Ich wähnte, Euch fechte nichts an, und ihr seiet nur dazu eingesetzt, mich zu verderben. Und ich habe unsern Herrn gelästert, weil er mir, nur mir die Liebe auferlegt hatte, für jetzt und ewig; und habe zu meiner Strafe Euch nochmals wiedersehen müssen, als arme Tote. Aber, nicht wahr, auch im Leben habt Ihr es recht schlecht, und nicht ich, die schon starb, bin die Unglücklichere? Sagt mir das! Daß Ihr sehr leidet! Mehr als ich! Dann will ich Barmherzigkeit an Euch üben und Euch lieb haben!“
„Es ist schön, mit Euch zu leiden, o Ginevra!“
„Ist mir das Leiden noch erlaubt? Einer Toten? Dann gebt es mir! O, Ihr gebt es mir! Oder ist es Lust? Ich weiß nicht mehr; ich bin eine irrende Seele.“
„Ihr lebt, Ginevra! Nun die Sonne sich nähert, kann ich es erkennen. Ihr waret ein Schatten, jetzt aber seid Ihr dabei, erweckt zu werden. Ich weiß nicht, wer Euch erweckt.“
„Die Liebe, Raniero, erweckt mich.“
„Ihr tragt, Ginevra, auf Euren Wangen, die sich röten, den Abglanz des Ortes, woher Ihr zurückkehrt. Wie Ihr strahlt! Erzählt doch, was Euch dort geschah!“
„Seine Stimme kam von jenseits eines Feuers, das irgendwie so köstlich schien, daß das Herz darin zu baden wünschte; und er befahl mir, zurückzukehren und sie auf mich zu nehmen, die Liebe. Und sein Urteil klang wie Verheißung, und sang und harfte. Ich sehe das, Raniero! Gleichzeitig sehe ich den Himmel und meinen Geliebten!“
„Nun fühle ich euer Herz schlagen, Ginevra, und Euren warmen Atem und . . . auch das Fleisch Eurer Lippen haben meine gefühlt. Ginevra! So ist es Leben und grenzenlose Erfüllung und soll nicht mehr schwinden? Ihr werdet immer in diesem Hause bleiben, kein Mensch wird wissen, daß Ihr auf Erden seid.“