»So'n altes Ekel hätt' man schon lange totschlagen sollen,« äußerte bei Unrats Nahen, in seine Ladentür gelehnt, der Zigarrenhändler Meyer, dessen Rechnungen für Professor Raat immer mit einem durchgestrichenen U begonnen hatten.
Der Pächter des Café Central sagte in der Frühe, wenn Unrat die Hausfront entlang schlich, zu seinen das Lokal säubernden Kellnern:
»Sittlicher Unrat muß egal raus.«
Andererseits gab es unzufriedene Bürger, die Unrats Emanzipation mit Freuden begrüßten, ihn für ihre dem Bestehenden feindlichen Werbungen als Bundesgenossen beanspruchten und Versammlungen einberiefen, wo über sein mutiges Auftreten gegen die Privilegierten der Stadt debattiert ward, und wo er reden sollte. In ihren öffentlichen Aufrufen hieß es:
»Hut ab vor solchem Manne!«
Unrat ließ ihre schriftlichen Einladungen unerwidert. Ihre Abordnungen verabschiedete er durch die verschlossene Tür. Er saß und gedachte mit Haß, Sehnsucht und Grausamkeit der Künstlerin Fröhlich, und daran, wie er sie nötigen könne, die Stadt zu verlassen und in großen Tagemärschen davonzuziehen. Es fiel ihm wieder ein, daß er dies bei ihrem allerersten Zusammentreffen ihr strenge geboten hatte. Wenn sie damals sich nicht dem Lehrer widersetzt hätte! Jetzt hatte sie eine Masse Unfug getrieben, Unheil angestiftet, und Unrat konnte sich, in fassungsloser, martervoller Rachgier, nichts Ersehnenswerteres mehr vorstellen, als daß die Künstlerin Fröhlich in einem tiefen und finstern Kabuff ihr Leben enden möge.
Er vermied tagsüber peinlich die Straßen, in denen er ihr begegnen konnte. Des Nachts nur geschah es, daß er in jene Stadtgegend schlich, zu einer Stunde, wo hinter der verhängten Scheibe keines Lokals mehr die Schatten von Oberlehrerköpfen mit den Gebissen klappten. Dann machte Unrat, scheu, feindselig und voll bittern Verlangens, eine weite Runde um das Hotel zum Schwedischen Hof.
Einmal trat ihm dabei aus dem Dunkel ein Mensch entgegen und grüßte: es war Lohmann. Unrat prallte zuerst zurück und rang nach Luft. Dann spreizte er die Hände und griff, mit beiden zugleich, nach Lohmann, der höflich auswich. Als Unrat wieder fest auf den Beinen stand, begann er zu pfauchen.
»So wagen Sie Elender es denn also, mir noch unter die Augen zu treten! Dicht bei der Wohnung der Künstlerin Fröhlich muß ich Sie fassen! Sie haben schon wieder Nebendinge getrieben!«
»Ich versichere Sie,« erwiderte Lohmann sanft, »Sie irren sich, Herr Professor. Sie irren sich von vorn bis hinten.«