»Was haben Sie hier etwa sonst angefangen, verruchter Bube!«

»Ich bedauere, mich darüber nicht äußern zu können. Nur soviel, daß es Sie, Herr Professor, in keiner Weise berührt.«

»Ich werde Sie vollends zerschmettern!« verhieß Unrat, mit den Augen einer wütenden Katze. »Seien Sie gewärtig, mit Schmach und Schande von der Schule gejagt zu werden ...«

»Es sollte mich freuen, wenn Ihnen die Genugtuung würde, Herr Professor,« sagte Lohmann, ohne die Absicht zu spotten, eher wehmütig, und ging langsam weiter, verfolgt von Unrats Drohungen.

Er war nicht mehr aufgelegt, Unrat zu kränken. Heute, wo alles über ihn herfiel, hätte Lohmann sich dessen geschämt. Er fühlte Mitleid mit dem Alten, der noch davon sprach, ihn von der Schule zu jagen, in dem Augenblick, wo Unrats eigene Entlassung schon beschlossen war; – Mitleid, und auch eine Art von zurückhaltender Sympathie für diesen einsamen Allerweltsfeind, der unbedenklich soviel gegen sich auf die Beine brachte; für den interessanten Anarchisten, der hier im Ausbrechen war ...

Sein ewiger Verdacht auf Lohmann wegen dieser Fröhlich war kläglich und rührend; er war sogar voll tragischer Ironie, wenn man ihn zusammenhielt mit dem, was Lohmann in Wirklichkeit in diese Nacht hinausgeführt hatte. Lohmann kam aus der Kaiserstraße. Frau Dora Breetpoot war heute abend entbunden. Und Lohmanns unbekannte Zärtlichkeit neigte sich über ihr Schmerzensbett. Sein Herz, ein fruchtlos und demütig schwelendes Feuerchen, sehnte sich, den kleinen, zitternden Kinderkörper zu erwärmen, dessen Entstehung vielleicht Assessor Knust, vielleicht Leutnant von Gierschke, vielleicht auch Konsul Breetpoot bewirkt hatte ... Lohmann war heute nacht vor das Breetpootsche Haus gegangen und hatte die verschlossene Tür geküßt.


Wenige Tage später hatten die schwebenden Schicksale sich gesenkt. Lohmann, dem nichts daran lag, durfte, bis er nach England ging, auf der Schule verbleiben; seine Verwandten waren zu mächtig, als daß an seine Entfernung zu denken gewesen wäre. Kieselack verdankte seinen Abschied nicht dem Vorfall mit dem Hünengrab; eher seiner ungebührlichen Aufführung vor Gericht; vor allem aber seinen zur Künstlerin Fröhlich unterhaltenen und von ihr bekannt gegebenen Beziehungen, die unzulässig erschienen für einen Sekundaner. Von Ertzum ging freiwillig und überantwortete sich einer Presse. Unrat ward entlassen.

Er behielt das Recht, seine Lehrtätigkeit bis zum Herbst fortzusetzen. Er brach sie aber, im Einvernehmen mit der vorgesetzten Behörde, sofort ab. An einem von Unrats ersten schulfreien Vormittagen, wie er, unbeschäftigt und planlos für immer, im Sofa saß, kam Pastor Quittjens. Er hatte zugesehen, wie hier jemand immer tiefer in Sünde und Verlegenheiten hineinritt. Jetzt, da der Mann am Boden lag, war er der Meinung, daß für das Christentum etwas zu machen sei.

Er begann sofort, und rauchte dabei eine Zigarre wie jeder andere Mensch, sich über Unrats traurige Sachen zu erbarmen, über seine Vereinsamung, über die Anfeindungen, denen er sich gerade von seiten der Besseren ausgesetzt habe. So etwas habe doch niemand gern, dagegen müsse man was tun. Wenn Unrat wenigstens noch seine gewohnte Tätigkeit besäße. Seine Entlassung mache das Unglück voll, indem sie ihn seinen bittern Gedanken rettungslos ausliefere ... Nun, rettungslos sei zuviel gesagt. Pastor Quittjens mache sich anheischig, für Unrats Wiederaufnahme bei den Besseren zu sorgen, ihn in einen politischen Verein, in einen Kegelklub hineinzulotsen. Bedingung sei allerdings – dies schien der Pastor zu bedauern und als unvermeidliches Übel anzusehn – daß Unrat vor Gott und den Menschen seine Verirrungen bereuen und ihnen ein Ende machen müsse.