»Nanu,« machte Rosa. Und nach einem Augenblick, während dessen sie ihn beurteilt hatte:
»Mein Taschentuch liegt unterm Tisch. Holen Sie's mal 'raus, ja?«
Ertzum bückte sich, steckte den Kopf unter den Tisch, wollte hingreifen. Aber seine Knie bogen sich; er kroch, und das Mädchen sah ihm zu, auf das Tuch los, nahm es mit den Zähnen vom Boden, kehrte auf den Händen unter den Tischrand zurück. Da blieb er und hielt die Augen geschlossen, erschlafft von dem fettigen, fad parfümierten Geschmack des grauweißen Fetzens, worin Schminke abgewischt war. So stand nun, gleich vor seinen geschlossenen Lidern und unerreichbar, das Weib, von dem er Tag und Nacht träumte, an das er glaubte, für das er sein Leben gelassen hätte! Und weil sie arm war und er sie noch nicht zu sich emporziehen durfte, mußte sie ihre Reinheit Gefahren aussetzen und mit schmutzigen Leuten verkehren, sogar mit Unrat. Es war ein furchtbares, einziges Geschick.
Nachdem sie ihr Werk bewundert hatte, nahm sie ihm das Tuch aus dem Gebiß und sagte:
»So is scheen, mein Hundchen.«
»Fabelhaft,« bemerkte Lohmann.
Und Kieselack, der einen weit abgenagten Fingernagel an den Mund führte, mit einem Senkblick von einem seiner Kameraden zum andern:
»Bildt euch man nix ein. Ihr erreicht ja doch nicht rechtzeitig das Ziel der Klasse.«
Dann blinzelte er Rosa Fröhlich zu. Er selbst hatte es schon erreicht.