Die Künstlerin Fröhlich verkündete zum drittenmal:
»Der Mond ist ruhnd.«
»Dat weit wie nu,« sagte jemand, breit und entschieden. Einige Gutgesinnte erhoben Einspruch gegen die zunehmende Unruhe. Aber das Gelächter des Schwarzen griff verheerend um sich. Unrat sah ganze Reihen von aufgerissenen Mündern, schwarz, mit ein paar gelben Hauern aus Lücken hervor, oder mit Halbmonden weißen Beins von einem Ohr zum andern; mit kranzförmigen Schifferbärten unter dem Kinn, oder hinaufgebundenen Borsten auf der Oberlippe. Unrat erkannte den Handlungslehrling, seinen ehemaligen Sekundaner, der ihm gestern am Rande der steilen »Grube« ins Gesicht gefeixt hatte, und der nun die Kiefer aufriß so weit er konnte, zu Ehren der Künstlerin Fröhlich. Und Unrat fühlte, wie ihm schwindelnd seine Wut zu Kopf schoß, seine von Angst durchjagte Tyrannenwut. Die Künstlerin Fröhlich war seine eigene Angelegenheit! Er hatte sie genehmigt, folgte aus den Kulissen ihren Leistungen, war mit ihr verknüpft und führte sie gewissermaßen selber vor! Man vergriff sich an ihm selbst, wenn man sich unterstand, sie nicht gelten zu lassen! Er hielt sich am Pfosten, sonst meinte er hinausstürzen zu müssen, um mittels Drohungen, Handgriffen und Strafen die empörte Schar der entlaufenen Schüler zu Gehorsam zurückzuzwingen.
Allmählich hatte er fünf, sechs von ihnen herausgefunden. Der Saal war durchspickt mit den Widerspenstigen aus alten Jahrgängen! Der dicke Kiepert und die dicke Guste gingen umher, tranken aus den Gläsern, machten sich volkstümlich. Unrat verachtete sie, sie stiegen in die Gosse. Auf hehrer Höhe stand in ihrem grünseidenen Kleid, mit ihrem verbogenen Diadem, die Künstlerin Fröhlich; aber man wollte sie nicht, man rief:
»Dor heft wi nu nooch von!«
Und Unrat konnte das nicht ändern! Es war schrecklich! Er konnte die Schüler ins Kabuff sperren, sie über nicht vorhandene Gegenstände Aufsätze verfassen lassen, ihre Handlungen seinem Dienst unterwerfen, ihre Gesinnungen drillen, und wenn einer etwas zu denken wagte, ihn anheischen: »Sie sollen nicht denken!« Aber er konnte sie nicht zwingen, schön zu finden, was nach seinem Ermessen und Gebot schön war. Hier war vielleicht die letzte Zuflucht ihrer Widersetzlichkeit. Unrats despotischer Trieb stieß hier auf die äußerste Grenze menschlicher Beugungsfähigkeit ... Er ertrug es kaum. Er schnappte nach Luft, sah sich um nach einem Ausweg aus seiner Ohnmacht, wand sich unter der Begierde, so einen Schädel einmal aufzuschlagen und den Schönheitssinn darin mit krummen Fingern zurechtzurücken.
Daß die Künstlerin Fröhlich so zuversichtlich und heiter bleiben und den Schreiern und Zischern noch Handküßchen zuwerfen mochte! Sie war eigentümlich groß in der Niederlage ... Nun wendete sie sich halb um, vom Publikum weg, und sagte etwas zum Klavier hinunter. Und jetzt geschah es allerdings, daß ihre wohlaufgelegte, dienstfertige Miene ganz unvorbereitet in eine bittere und böse hinüberglitt, mit einem kleinen Ruck, wie beim Kinematographen. Es schien Unrat, daß sie die Unterredung mit dem Klavier nach Möglichkeit in die Länge ziehe, sich tunlichst weit wegwende. Noch weiter ging es nicht; der Fettfleck auf ihrer Rückseite wäre zur Geltung gekommen ... Auf einmal schnellte sie ganz munter wieder in die Höhe, raffte ihr grünseidenes Kleid, schwenkte den orangefarbenen Unterrock hoch auf von den Füßen und brach in herzhaftes Trällern aus:
»Wail iesch noch so klain uhnd so uhnschuhldisch bien.«
Ihr guter Mut ward belohnt, man klatschte, verlangte das Lied von vorn. Als sie türenklappend zurück war in der Garderobe, fragte sie mit kurzem Atem: