Lohmann, erschreckt und erbittert, weil Unrat ein Stück von seiner Seele zwischen seinen dürren Fingern umwendete:
»Das alles ist poetische Lizenz, Herr Professor, von Anfang bis zu Ende. Ein ganz frivoles Machwerk, l'art pour l'art, wenn Sie den Ausdruck kennen. Hat mit Seele absolut nichts zu tun.«
»Drum denn – mag's denn sein,« wiederholte Unrat.
»Das Verdienst an der gemütvollen Wirkung des Liedes gebührt mithin – traun fürwahr – der vortragenden Künstlerin ganz allein.«
Die Nennung der Künstlerin Fröhlich bewirkte in ihm einen Stolz, den er zurückdrängte, indem er den Atem anhielt. Er lenkte gleich wieder von ihr ab. Er warf Lohmann seine romantische Dichtungsart vor und verlangte eifrigeres Studium des Homer von ihm. Lohmann behauptete, die wenigen, wirklich poetischen Stellen bei Homer seien längst überboten. Der sterbende Hund, bei Odysseus' Heimkehr, befinde sich viel wirksamer in La Joie de vivre, von Zola.
»Wenn Sie davon gehört haben, Herr Professor,« setzte er hinzu.
Schließlich gerieten sie auf das Heinedenkmal, und Unrat rief befehlshaberisch und mit Rachedrang gegen Lohmann, in die Nacht hinaus:
»Nie! Niemals!«
Sie waren beim Stadttor; Unrat hätte nun gleich abbiegen müssen. Statt dessen beschied er, zwischen den dunkeln Wiesen, Kieselack zu sich her.
»Gehen Sie nun denn also mit ihrem Freunde von Ertzum,« sagte er zu Lohmann. Im Augenblick warf sich all seine Besorgnis auf Kieselack. Die Familienverhältnisse dieses Schülers leisteten keine Bürgschaft für ihn. Sein Vater war ein des Nachts beschäftigter Hafenbeamter. Kieselack gab an, er teile sein Heim nur mit einer Großmutter. Unrat bedachte, daß durch solche Greisin Kieselacks nächtliche Bewegungsfreiheit gewiß wenig beschränkt werde. Und das Tor des Blauen Engels stand noch lange offen ...