»Komisch, was, daß ich Sie Unrat nenne? Ja, eigentlich ist es komisch. Wir haben doch gar nischt miteinander. Wie lange kennen wir uns nu schon? Was die Gewohnheit alles macht.... Aber nee, ich will Ihnen was sagen: Kiepert und Frau, die können mir alle Tage gestohlen werden, denen wein' ich keine Träne nach. Mit Ihnen is es was anderes ...«

Ihre Augen waren allmählich sinnend und starr geworden. Sie fragte ganz vertieft:

»Aber was soll es, was wollen Sie?«

VIII

Darüber dachte Unrat selber nie nach, und nur eines beunruhigte ihn, wenn er sich spät am Abend von der Künstlerin Fröhlich trennte: die Ungewißheit über Kieselack, von Ertzum und Lohmann. Die Furcht vor ihrem Treiben im Verborgenen ließ ihm allmählich das Äußerste tunlich und alle zwischen den Menschen gesetzten Grenzen überschreitbar erscheinen. Draußen im Gäßchen vor dem Blauen Engel hörte er einmal ihre Schritte hinter sich. Er machte den seinigen ganz leicht, damit es ihnen nicht auffiel, wenn er stehen blieb. Hinter der Ecke lauerte er und trat unversehens mit schiefem Kopf auf sie zu. Sie prallten zurück; aber Unrat sagte ermunternd und mit giftigem Blinzeln:

»Nun denn, ich sehe, daß Sie sich – immer mal wieder – einen Kunstgenuß verschafft haben. Das ist ja denn auch recht von Ihnen. Kommen Sie, wir wollen das Gehörte einmal zusammen durchgehn, dabei werde ich dann Gelegenheit haben, mich darüber zu unterrichten, wie weit sie es in diesen Gegenständen schon gebracht haben.«

Da die drei stehen blieben und sich in diese erschreckende Vertraulichkeit mit dem Tyrannen sichtlich nicht hineinfanden, setzte er hinzu:

»Mein hierdurch über den Stand Ihrer allgemeinen Bildung gewonnenes Urteil kann auf Ihr nächstes Zeugnis – wahrlich doch – einigen Einfluß ausüben.«

Darauf nahm er Lohmann an seine Seite und ließ die beiden andern vorangehn. Lohmann kam sehr unlustig mit; aber Unrat begann ohne weiteres von des Sekundaners Lied vom runden Mond.

»Steht deine Liebe und du hörst sie weinen,« sagte er. »Die Liebe, als ein Abstraktum möchte nun zwar nicht weinen können. Da Sie indessen ›die Liebe‹ als eine Personifikation Ihres Seelenzustandes angesehen wissen wollen, und nunmehr dies poetische Wesen aus Ihnen heraustritt, um an dem Ufer eines von Ihnen angenommenen Sees zu weinen, so mag's denn sein. Hinzufügen aber muß der Lehrer, daß besagter Seelenzustand einem Sekundaner und noch dazu einem solchen mit ungewisser Aussicht das Ziel der Klasse zu erreichen, keineswegs wohl ansteht.«