„Er hält sie für klug. Er kennt nicht Rousseaus Rat: ‚Menschen, seid menschlich! Welche Weisheit gibt’s für euch außerhalb der Menschlichkeit.‘ Ein törichter Stolz auf eine von Träumereien unberührte Härte verführt die meisten von uns; eine dem wahren Zustande unserer Körper und unserer Geister ganz unangemessene Vorliebe für die nackte Macht. Die Frage ist, ob wir nicht in unserm richtigen Element wären, wenn wir ein wenig Güte übten und erwarteten: ob wir uns nicht wohler dabei fühlen und mehr damit erreichen würden.“
„Das Trumpfen auf Illusionslosigkeit ist natürlich geschmacklos; aber Güte erwarten? Mir scheint —“
Sie dachte an ihre Erfahrungen mit Menschen, mit Männern, an die Lehren ihrer zwei letzten Jahre, und sie lächelte bitter. Arnold entgegnete:
„Heute gilt eine hoffnungslose Auffassung der menschlichen Zukunft. Dennoch ist es klar, daß mit der Abnahme der rohen Kraft auch die Grausamkeit an Gebiet verloren hat. Was hindert mich zu glauben, daß der Geist, der die Folterkammern sprengte: daß der Geist auch die Waffenmagazine sprengen wird.“
„Es wäre wohl noch wenig getan . . .“
„Ich weiß, ich weiß. Aber vermögen Sie einzusehen, warum man auf der Gewalt besteht und die Macht um keinen Preis abdanken möchte, nicht einmal um den Frieden der Seele? Auch ich gehöre zu den Besitzenden: aber wenn ich in eine wahre menschliche Gemeinschaft den Weg finden könnte vermöge einiger Stunden körperlicher Arbeit, die überdies ein mir nützliches Gegengewicht zu denen am Schreibtisch wären —“
Er belebte sich; seine Stimme ward erst jetzt freier und stärker.
„Ich wäre mit Freuden ein Bürger des neuen Staates! Welcher Genuß des Gewissens: nicht länger den Anteil derer mitzuessen, die vergeblich arbeiten! Und welcher Zuwachs an Würde im Menschengeschlecht, wenn es sich vor keinen schwindelhaften Größen mehr bücken wird, vor dem Zufall des Eigentums so wenig wie vor dem der Geburt! Viel verspreche ich mir von dem Sturz der Könige. Wären sie auch schon machtlos: ihr Dasein bleibt das am höchsten ragende Denkmal menschlicher Würdelosigkeit. Wie können Kulturmenschen, wie kann der Geist eine Macht ertragen, die nicht vom Geiste ist! . . . Da die gleiche Verteilung der Leiden und Freuden des Körpers und des Geistes, da die Nivellierung der Menschheit unser aller heimliche Forderung ist, die wir nur mit Trug zum Schweigen bringen, von der wir nur mit Scham absehen: warum schrecken wir vor dem Wege zurück, der hinführt? Es wird keinen einsam leidenden Genius mehr geben, und keine darbende Masse. Der Paria der Höhe wird verschwunden sein mit denen der Tiefe. Welche Erleichterung, welche neue Unschuld!“
Lola hörte mit Spannung und dunkler Sehnsucht seine erregten Worte zu Entzücken ansteigen, und sah Schmerz herausblicken. Sie empfand, daß auf fester Erde sein Traum keine Stätte habe. „Ist er denn so selten enttäuscht worden?“ dachte sie, und sie fühlte sich alt.
„Sie sind vertrauensvoller als ich,“ sagte sie und betrachtete ihn von der Seite. Er sah ihr in die Augen.