Auf der Stelle hatte sie ihre Kraft zurück und schoß in großen Zügen dem Strande zu. Mai winkte mit dem Sonnenschirm.
„Kind, mein Kind! Hat er dich gerettet?“
Und sie fiel Lola um den Hals. Lola mußte erst zu Luft kommen. Sobald sie’s hervorbringen konnte:
„Wie käme ich dazu, mich von diesem Herrn retten zu lassen?“
Aber sie fühlte sich dennoch von Pardi überrumpelt und in ihrer Niederlage glücklicher als Mai. Auch Mai mußte es fühlen. Sie sah von Lola zu Pardi, der stumm blieb und ruhig atmete. Darauf betrachtete sie besorgt ihr eigenes Kleid und dann die beiden in ihren triefenden, um die Körperformen geklatschten Kostümen. Plötzlich wandte sie sich ab.
„Ich bin nicht schuld, wenn sie sich schlecht benimmt. Man hat mit nicht erlaubt, sie zu erziehen.“
„Wir werden es nachholen,“ sagte Pardi, — indes Lola schon von dannen war.
Und es ward Mittag, und man flüchtete auf die Hotelveranda, an den Frühstückstisch. Sah man hinaus, ward das Auge verbrannt von Sand und See; von dem frechen Wirrwarr der roten, grünen, gelben Karren vor dem wütenden Meerblau; von den weißen Flammen der Zelte, der Anzüge. Die Gäste traten aufatmend in den Schatten, oder sie schlichen an seiner Grenze vorbei, die Häuserreihe hin, in deren grausame Helle die Balkone scharf, dünn und schwarz hineinschnitten. Ermattete, schöne Frauen, die sich rückwärts bogen, willenlos und doch in einer Linie, als hätten sie Ballett tanzen gelernt, riefen mit sehr häßlicher Stimme einen Namen, streckten, ohne umzublicken, einen Arm nach hinten, — und eins dieser Kinder hängte sich daran, die nie ganz Kinder waren, die schon kokett waren, keine Ungeschicklichkeit begingen, und deren schmelzend blasse Gesichter manchmal, wie von Strapazen, die erst noch auszuhalten waren, unter den Augen bräunlich dunkelten. Matronen flankierten, mit erfahrenem Lächeln, Töchter, deren weißes Gesicht wie ein schmales Stück aus dem der Mutter aussah. Näherten sie sich, lagen beide, das der Mutter und das der Tochter, unter einem Teig von Schminke. Die alternden Männer bekamen Säcke unter die gewölbten Augen; den sehr alten entleerte sich das Gesicht von Blut; — aber sie blieben schlank, behielten den aufrechten, raschen Gang des Jünglings und trugen, wie er, ihre silbernen und goldenen Stockgriffe, über den Arm gehängt, spazieren. Die aristokratische Gruppe auffallender, lauter Damen und verlebter Herren in großgewürfelten Anzügen streifte an eine Bande von Lastträgern und Schiffern; und beide sprachen mit schleierlosen Stimmen und Gebärden von Liebe und von Geld. Alle waren aus einem Blut; und wie sie gleichmäßig schritten und sich kleideten, war sicher, meinte Lola, auch die Art, zu denken und zu lieben, bei allen dieselbe. Lola gedachte der Menschen im Norden, die sie verlassen hatte, wie an Sonderlinge, von denen jeder seinen kleinen verrückten Kreis lief. Der alte Baron Utting übertrieb nur ein wenig die Sucht der übrigen. Hier ließ sich keiner aus der Masse reißen: er wäre verloren und sinnlos gewesen. Die Amerikanerinnen allein kreuzten dazwischen in gelben Winkeln, zu scharf von Umriß, um von der Sonne gedämpft zu werden. Die anderen alle schwammen ohne Mühe und jeder für sich fast unbemerkt, in dieser Atmosphäre, die sie getönt hatte und ineinander mischte.
Die Sonne tränkte gleichmäßig alles, berauschte, erschlaffte und verzauberte alles und einen selbst. Hohe, dünne Gerten mit Blumen, die nicht daran gewachsen waren, umstanden einen als Hecken, man lehnte sich in grell lackierte Sessel, hörte springenden oder schmachtenden Noten zu, fühlte sich, in seiner gewagteren Strandkleidung, freier und dreister als sonst, trank mehr, lachte mehr, ließ losere Worte zu, glaubte halb, man träume, und empfand bei allem, was geschah und was man tat, daß nichts darauf ankomme. Mit Cavà hatte Lola Freundschaft geschlossen. Seine rohen Worte von neulich deuchten ihr kaum noch wirklich, wenn sie seine Knabenaugen ansah. „Man vergißt hier so rasch. Übrigens würde man mit niemand leben können, wollte man daran denken, was die Leute sagen und tun, wenn man nicht dabei ist.“
An Mais und Lolas Tisch war ein Hin und Her von Herren: Nutini, Botta und Deneris führten Freunde ein. Der Dichter Merluzzo war dabei, mit den Puppenaugen in seinem Modellkopf, auf seinem langen, nackten Halse. Er huldigte Lola mit seiner Altweiberstimme und versprach ihr, vorzulesen, wenn sie singe. Sie sang, ohne ihn um das Seine zu bitten: sang leichtfertig darauf los und freute sich des Beifalls, ob er verdient oder unverdient war. Sie lachte.