„Das ist unmoralisch!“ behauptete Pardi.

„Wenn ich fragen wollte, wem ich helfe, käme ich nie zum Helfen. Glauben Sie, daß der betrunkene Bauer in Deutschland, den Sie ins Dorf trugen und so reich beschenkten, würdiger war?“

„Er war ein sehr guter Mann, ich habe mit den Leuten gesprochen.“

„Ich auch. Und er hatte die Messerstiche, weil er gestohlen hatte. Aber Ihr Geld verdiente er darum, meine ich, nicht weniger.“

Da Pardi nur fuchtelte:

„Sehen Sie, Sie waren in Afrika, haben so vieles hinter sich: ich aber, die ich nichts erlebt habe, bin enttäuschter als Sie. Sie brauchten mich wirklich nicht so oft zu belehren.“

Das war ein Triumph! Auch daß er Merluzzos Albernheiten kühn gefunden hatte, war einer; und daß die süßlichen Bilder im Saal ihn entzückten. Für alles, was süßlich und veraltet war, für jeden Kitsch war er zu haben. Er mußte als Held in älteren Romanen vorkommen. Seine Abenteuer, sein Ehrbegriff, seine Ideen, seine Lebensanschauung und sein Urteil über Menschen rührten von solchem Helden her. Für ihn gab es natürlich nur Gute und Böse, Ehrenmänner und Schufte, und wer das Fechten verstand, erhielt sich stets auf der Seite der Ehrenmänner. Eine Welt, so einfach in ihrer Wildheit, daß es nicht zu glauben war. Eine Naivität, die manchmal rührte, manchmal empörte: nur Achtung konnte sie nicht eingeben.

Ihre Beobachtungen rieben sie auf, sie erschrak bei jeder neuen Waffe, die sie gegen ihn in die Hand bekam, denn mit allen traf sie sich selbst. Sie schlief nicht mehr, verbarg mit Mühe ihre ständige Gereiztheit, und von früh bis spät war sie in der Angst, einen Zug an ihm zu bemerken, der ihn entstellte, der ihn vervollständigte. Nutini war ihr Schrecken; bei jeder Begegnung lüftete er, feixend oder unter Freundschaftsbeteuerungen, wieder ein Stück von Pardis Vergangenheit. Pardi hatte die Chiarini, als sie von ihm in anderen Umständen war, mit dem Wagen umgeworfen, wobei sie umkam . . . Nutini verhehlte nie, Lola auf den Mut hinzuweisen, womit er sie über den gefürchteten Duellanten aufkläre. Sie hielt trotzdem das meiste für Verleumdung; aber ein ruheloses Mißtrauen und eine verzweifelte Lust an seinem Gezischel trieben sie zu Nutini. Sie standen zusammen abseits, wiesen nach dem Horizont, lachten laut, und dabei sagte Nutini:

„Sie wissen wohl nicht, warum die Bernabei Sie so viel durchs Lorgnon ansieht?“

„Die mit dem zusammengedrückten Gesicht und den roten Lidern? Nein.“